Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina

In der heutigen Ausgabe empfehle ich (nachdrücklich) Artikel von Adam Keller, Gideon Levy, Jonathan Cook, Laureen Booth und vom Koordinierungskomitee des Populären Kampfes …

Dabei soll und darf der Dank, den wir Ellen Rohlfs und Inga Gelsdorf für die Übersetzungen und Lopez vom Womblog für die Übermittlung nicht untergehen, den wir wie immer ebenso gerne wie aufrichtig abstatten.

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Adam Keller [The Other Israel] … Erfährt Israel eine Sonderbehandlung … und warum? (01.08.10)

Zitat:

Wenn man unter “Israel singled out” und “Antisemitismus“ ‚googelt’, wird man viele tausend Beispiele finden. In aller Welt werden Unterstützer der Politik der israelischen Regierung einen Artikel um den anderen produzieren, die in Variationen mehr oder weniger dieselbe Aussage haben: Israel erfährt ungerechterweise eine Sonderbehandlung, wird hart für seine Handlungen kritisiert, die anderen erlaubt sind. Das Motiv ist Antisemitismus.

In gewisser Hinsicht ist das eine Art Verteidigung. Es gab einmal eine Zeit, als diese Leute den Standpunkt vertraten, Israel kann nichts falsch machen; dass es ein wunderbarer Ort sei, kurz vor Utopia, eine lebendige Demokratie und die einzige im Nahen Osten, die Heimat von unermüdlichen, unerschrockenen Pionieren, die die Wüste zum Blühen brachten. Aber diese Art der Ansicht aufrecht zu erhalten, wird zunehmend schwieriger. Es sind zu viele unerfreuliche Fernsehfilme über israelische Soldaten in jedes Haus rund um den Globus gestrahlt worden, zu viele  hässliche Enthüllungen, nicht wenige von Israels eigenen Dissidenten [… ]

Zitat Ende.

Kommentar: Der Artikel behandelt dasselbe Thema wie der vorab komplett veröffentlichte Beitrag von Uri Avnery (Rot oder grün). Dabei weist der Autor auch auf einen Faktor hin, den man bei der Diskussion, welche der Öffentlichkeit nun von der israelischen Führung und deren zahlreichen Anhängern in der gesamten Welt  aufgezwungen werden soll, zuallererst berücksichtigen muss: die Tatsache, dass die „Serie von Sonderbehandlungen“, die Israel seit der Staatsgründung eingefordert und von den „Herrschern der westlichen Welt“ auch zugestanden bekommen hat, auf das Wirken derselben zionistischen Kreise zurückzuführen ist, die sich jetzt empört beschweren und von einem „neuartigen Antisemitismus“ schwafeln, da sich der Wind mehr und mehr dreht und ihnen heftig ins Gesicht bläst! – Auch wenn ich selbst fordere, dass man keine Pauschalierungen zulassen darf, sondern seine eigene Argumentation immer an den Fakten und Taten der Verantwortlichen orientieren muss, beißt die metaphorische Maus an dieser Feststellung keinen Faden ab.

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Adam Keller [The Other Israel] … Nimmt Israel eine Sonderstellung ein? (siehe oben und Kommentar))

Zitat:

Im Jahre 1837, als Theodor Herzl und seine Anhänger den ersten Kongress der Zionisten in Basel abhielten, waren nationale Bewegungen bereits seit über einem Jahrhundert ein Merkmal auf der internationalen Agenda. Zionismus hat viele Grundsätze und Praktiken des europäischen Nationalismus übergenommen – insbesondere die des osteuropäischen Nationalismus.

Letzten Endes hatten viele Gründer des Zionismus als patriotische Polen, Ungarn oder Deutsche begonnen, Menschen, die nichts anderes wollten, denn als gleichwertige Bürger des Landes, in dem sie lebten, akzeptiert zu werden – die (jedoch), konfrontiert mit einer schmerzhaften und demütigenden antisemitischen Ablehnung, in eine eigene nationale Bewegung sich zurückzogen. Und natürlich war ihr Vorbild, die Art Nationalismus, den sie kennen gelernt hatten, genug. Dennoch gab es einen bedeutenden Unterschied […]

Zitat Ende.

Kommentar: Dieser Artikel ist eigentlich der zweite Teil des oben empfohlenen Beitrags und deshalb auch über den obigen Link sowie im Anschluss an den ersten Teil abgerufen werden. – Dass ich ihn hier separat empfehle, liegt einerseits daran, dass er mir auch als eigenständiger Artikel zugegangen ist und andererseits, weil er das, was ich als Kommentar oben angeführt habe, in einer ausgezeichneten und deutlich ausführlicheren, sowie darüber hinaus historisch nachvollziehbaren Art und Weise darstellt! Selbstverständlich sind beide Teile außerordentlich empfehlenswert.

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Gideon Levy [Haaretz] … Araber raus! (15.08.10)

Zitat:

Nun gut, sagen wir, sie hatten Erfolg. Sagen wir, dass die rassistischen, nationalistischen Mitglieder der Knesset erreicht haben, was sie wollten: die Vertreibung der arabischen Mitglieder aus der Knesset. Nehmen wir an, dass die Hoffnungen des süßlippigen Extremisten Otniel Schneller, des „Demokraten“ Ofir Akunis und des Nationalisten Avigdor Lieberman so weit gekommen sind und die Knesset nun frei von Arabern ist.

Was wird als nächstes passieren? Hinter dieser Hetzkampagne liegt wie bei jeder anderen keine andere Motivation als die tiefsten Instinkte:Araber verschwindet!– ganz zu schweigen vonTod den Arabern!Die Araber sind also draußen, was nun? […]

Zitat Ende.

Kommentar: Ein Situations- und Zustandsbericht über die israelische Demokratie, der einige relevante Fragen aufwirft und insbesondere an die israelische Zivilbevölkerung, daneben fraglos aber auch an die Verantwortlichen richtet. Kommentieren muss man das nicht mehr, da der Autor die Faktenlage und auch die Zukunft für „Staat und Gesellschaft“ (nicht nur aus Sicht der palästinensischen Bewohner Israels) ebenso gut wie korrekt darstellt.

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Jonathan Cook [The National] … Israelis riskieren Gefängnis, wenn sie Palästinenser schmuggeln (25.08.10)

Zitat:

Fast 600 Israelis haben eine Kampagne des zivilen Ungehorsams unterzeichnet, indem sie ein Gelöbnis ablegten, Gefängnisstrafe zu riskieren, um palästinensische Frauen und Kinder nach Israel zu schmuggeln, um einen kurzen Blick auf das Leben außerhalb der besetzten Westbank zu werfen.

Die Israelis sagen, sie seien von dem Beispiel von Ilana Hammerman inspiriert worden. Sie ist Schriftstellerin, die nun von einer strafrechtlichen Verfolgung bedroht ist, nachdem sie einen Artikel veröffentlich hat, in dem sie zugegeben hat, das Gesetz gebrochen zu haben, als sie drei junge Palästinenserinnen für einen Tag nach Israel gebracht hatte.

Frau Hammerman sagte, sie wollte den jungen Frauen, die niemals die Westbank verlassen hatten, eine Freude machen und ihnen die Chance geben, das erste Mal das Mittelmeer zu sehen.

Ihre Geschichte hat viele Israelis geschockt und zu einer polizeilichen Untersuchung geführt, nachdem Gruppen vom rechten Lager dazu aufgerufen haben, sie aus Sicherheitsgründen  zu verurteilen […]

Zitat Ende.

Kommentar: Der Artikel dreht sich um den zivilen Ungehorsam, mit dem Ilana Hammerman und einige andere mutige Israelinnen wissentlich eine Verurteilung in Kauf nehmen, um – so der Tenor – palästinensischen Frauen und Kindern für kurze Zeit „Urlaub von Besatzung und Schikane verschaffen“ zu können. Der Autor berichtet nun davon, dass dieses Beispiel Schule zu machen und andere Israelis für die unhaltbaren Zustände, unter denen die palästinensische Zivilbevölkerung wegen Besatzung und Siedlungsprogrammen zu leiden hat, zu sensibilisieren beginnt. – Nun, dies wäre nicht nur den mutigen Frauen und Pionierinnen eines gegen Willkür und Unterdrückung gerichteten und für mehr Mitmenschlichkeit und letztendlich Frieden eintretenden Ungehorsams zu wünschen. Außerdem sollte dies nicht nur möglichst vielen Zivilisten in Israel als überzeugendes Beispiel dafür dienen, was man gegen politische und militärische Unterdrückung unternehmen kann und muss, sondern auch und gerade den friedliebenden und nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit strebenden Individuen und Gruppen in der (noch relativ) freien westlichen Welt!

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Koordinierungskomitee des Populären KampfesBilin: Abdallah Abu Rahmah wird nicht wegen Steine werfens angeklagt, sondern … (24.08.10)

Zitat:

Bilins Abdallah Abu Rahmah wurde heute nicht wegen Steine-Werfens angeklagt, sondern wegen Anstiftung und dafür, dass er illegale Demonstrationen organisiert habe. Nachdem er acht Monate lang vor einem Militärgericht stand, während dem er im Gefängnis gehalten wurde, hat man die Anklage des Steinewerfens und des Waffenbesitzes fallen gelassen.

Abdallah Abu Rahmahs Urteil wurde heute in einem übervollen Militärgerichtshof verlesen. Acht Monate lang war es ein politisch motivierter Schauprozess. Diplomaten aus Frankreich, Malta, Deutschland, Spanien und Großbritannien wie auch Vertreter der EU waren anwesend, um die Verhandlung zu beobachten. Viele seiner Freunde, Unterstützer, Familienmitglieder waren da, um ihm beizustehen […]

Zitat Ende.

Kommentar: Nur in aller gebotenen Kürze, da dem Artikel an sich nicht allzu viel hinzuzufügen ist: er zeigt sehr eindrucksvoll (ja, das ist auch im negativsten Sinne möglich), mit welcher „Chuzpe“ die israelische Führung den ebenso berechtigten wie friedlichen Protest der Palästinenser unterdrückt. Dazu habe ich selbst schon das eine oder andere Mal geschrieben und noch ungleich mehr externe Artikel empfohlen, sodass es genügen sollte, wenn ich abschließend nur noch anfüge, dass daran nicht nur die Scheinheiligkeit und Doppelmoral von Regierung und Militär Israels (und all ihrer sogenannten „Verbündeten“), sondern auch die Angst der hinter allem stehenden Drahtzieher abzulesen ist, dass das „großartige zionistische Projekt“ auf den letzten Metern der Zielgerade doch noch straucheln (gestoppt) werden könnte.

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Laureen Booth, England [Originalartikel] … Ein offener Brief an Israel (22.08.10)

Zitat:

An diesem Morgen wollte ich mich hinsetzen und einen Artikel über die Plünderung der Gaza-Hilfsflottille durch eure Soldaten schreiben. Wie ihr vielleicht gelesen habt, ist ein IDF-Soldat vom Militärgericht in Untersuchungshaft genommen worden. Er steht unter Verdacht, den Passagieren die Laptops gestohlen zu haben. Interessanterweise schreibt Haaretz nun von einer „Hilfsflotte“, die es ja auch war – statt von einer Terrorflotte, wie eure Führer sie genannt haben. Aber ich schweife ab.

Also da war ich und bin bereit, meinen Artikel zu schreiben, als ich auf einen Artikel in  den Ynet-Nachrichten stieß. Er versuchte den Schrecken auszusprechen, den vielleicht einige bei den geplünderten Waren fühlten. Ein ranghoher IDF-Offizier sagte über die Flottillen-Diebe: ‚da muss es in der IDF ein ernstes Problem geben, was die Werte betrifft’.

Ich schaute mir  diese Worte  lange an. Und statt meinen Artikel zu schreiben, entschied ich mich, an dich, Israel, einen offenen Brief zu schreiben. Weil ich mich nur wundere, wer in aller Welt erschrickt denn noch über das Verhalten deines Militärs. Das meine ich wirklich so. Außerhalb der breiten Straßen von Tel Aviv empfindet der Rest der Welt die Phrase  „moralische Armee“  – wenn für die IDF angewandt – als glatten (katastrophalen) globalen Witz. …

Bitte, gib mir einen Moment oder zwei, um zu erklären, warum ich diesen Brief schreibe; denn ich will dich nicht beleidigen, gewiss nicht mehr als in der Vergangenheit. Statt meine Hausarbeit zu machen, möchte ich dir eine Frage stellen. Als Mutter und Mitmensch möchte ich wissen, warum du nicht  selbst das Üble siehst, das in deinem Namen geschieht. Wie kannst du das nicht sehen?

Wie du vielleicht schon weißt, war ich 2008 auf der ersten Free-Gaza-Mission (FGM). Das heißt, dass ich nicht nur das Vergnügen habe, die feinen Frauen persönlich zu kennen, die die FGM gründeten. Das heißt auch, dass ich viele Freunde und Kollegen auf der Flotilla hatte, die von deinem Militär im Mai angegriffen wurde. Du weißt, (sieh mich als Mutter und nicht als Feind an) keiner dieser feinen Menschen ist ein Terrorist, der Waffen zu „Extremisten“ bringen will. Sie sind freundliche, besorgte Bürger der Welt. Leute, die nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können, weil dein Staat, deine Armee, deine Siedler andere Menschen quälen – jede Minute des Tages, jede Minute des Monats, jede Minute  jedes Jahres. Und das seit 62 Jahren […]

Zitat Ende.

Kommentar: Ein nicht nur wegen dem korrekt dargestellten (einschließlich einer Kurzanleitung, wie man die Aussagen nachprüfen kann) Sachverhalt ein überaus lesenswerter Beitrag, der meiner Ansicht nach hervorragend als Abschluss für diese Sammlung von insgesamt sehr guten und der Sache „Aufklärung und Gegenöffentlichkeit“ dienenden Artikeln geeignet ist.

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