Akiva Eldar: Ich werde keine Loyalität erklären

In unserer Serie von Übersetzungen, die uns von Frau Ellen Rohlfs via Womblog (wie immer herzlichen Dank an beide) zur Verfügung gestellt werden, möchten wir heute den oben genannten Artikel komplett veröffentlichen. Zum einen halten wir das für wichtig und im Sinne von Gegenöffentlichkeit auch für geboten, da es sich sowohl um die Forderung Israels handelt, die Palästinenser müssten sich zunächst einmal zur uneingeschränkten Loyalität gegenüber dem Staat Israel bekennen, bevor man darüber nachdenken könne (was eh nicht mehr als ein inhaltsleeres Scheinversprechen ist), ihnen wenigstens eingeschränkte „staatsbürgerliche Rechte“ zuzugestehen, als auch eine Stadt und ein Gebiet betrifft, die/das schon lange eines der schlimmsten Zentren von israelischen Übergriffen (sowohl seitens der Armee als auch der dortigen Siedler) gegen die palästinensische Zivilbevölkerung repräsentiert.

Mehr Einleitung sollte nicht erforderlich sein … der Artikel stellt den Sachverhalt aus Sicht des Autors und im Kontext mit dem Titel unmissverständlich dar. Der Hinweis auf eine im Laufe des Abends zu veröffentlichende neue Folge von Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina soll dennoch angefügt werden – insbesondere auf den darin angesprochenen neuen Artikel von Uri Avnery bezogen, der diese Thematik im gesamtisraelischen Zusammenhang umfassender kommentiert.

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Ich werde keine Loyalität erklären

Akiva Eldar, Haaretz, 19.07.10

(Übersetzung: Ellen Rohlfs)

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Warum fordert die Regierung nur von jenen, die die Staatsbürgerschaft erwerben wollen, dass sie ihre Loyalität gegenüber einem jüdischen und demokratischen Staat erklären? Auch ich will es.

Die Zeit ist reif dafür, dass wir alle – egal, ob wir Juden oder Muslime sind, ultraorthodox oder säkular, unsere Loyalität dem einzigen jüdischen demokratischen Staat in der Welt erklären. Unter einer Bedingung: die feierliche Erklärung sollte nach einem Rundgang durch das Zentrum Hebrons im Hof der Patriarchengräber stattfinden.

Jeder israelische Bürger wird dann wissen, was sein Land in seinem Namen in der Stadt der Patriarchen tut. Jede hebräische Mutter wird dann wissen „wohin die einzige Demokratie im Nahen Osten“ ihre Söhne schickt. Diejenigen die das lieben, was sie dort sehen, werden die Erklärung unterzeichnen. Diejenigen, die in Hebron nicht den Beweis jüdischer Werte und die Prinzipien von Demokratie sehen, werden sich weigern, die Erklärung zu unterschreiben.

Bevor wir mit einer Bildungstour durch das Zentrum Hebrons beginnen, sollten wir uns erinnern: das Hebron-Abkommen, das 1997 zwischen der Netanyahu-Regierung und der Palästinensischen Behörde unterschrieben wurde, teilte Hebron in ein arabisches Gebiet (H1), das von der PA kontrolliert wird, und ein jüdisches Gebiet (H2), das von der IDF kontrolliert wird. Im arabischen Gebiet leben 120.000 Palästinenser und im jüdischen Gebiet, das die Altstadt und das Handelszentrum der Stadt einschließt, leben 500 Juden und 30.000 Araber. Um Reibereien zu vermeiden, hat Israel den beiden Bevölkerungsgruppen strenge Regeln  physischer Trennung auferlegt und strenge Bewegungsbeschränkungen für die palästinensische Bevölkerung in H2.

Ein Rudel hechelnder Hunde empfing uns am Eingang zur Shuhadastraße, die durch das alte Stadtviertel von Hebron  bis zu den Gräbern der Patriarchen führt. Die Türen der Läden waren geschlossen und der Markt leer.

Irgendjemand bedeckte rassistische Graffiti mit lächelnden Gesichtern auf einem rosa Hintergrund.

Eine Untersuchung des Gebietes (2006)  rund um die jüdische Siedlung der Stadt – von B’tselem und der „Gesellschaft für Bürgerrechte in Israel“  ausgeführt – fand heraus, dass 1.829 palästinensische Geschäfte (mehr als 75% aller Geschäfte) in den letzten Jahren  geschlossen wurden. Mehr als 1.000 Wohneinheiten (42%) in diesem Gebiet sind verlassen worden.

Yehuda Shaul, Gründer von „Breaking the Silence“, sagt, dass mehr als 40% der palästinensischen Bewohner das Gebiet verlassen haben.

Gelangweilte Soldaten schauen neugierig nach den Besuchern,  und wenn ihnen klar ist, dass sie zu „uns“ gehören, gehen sie weiter (vielleicht für eine Tanzübung). Selbst als die IDF dem Obersten Gerichtshof vor zwei Jahren gesagt hat, dass das Verbot für palästinensische Bewegung in den Straßen aufgehoben worden sei, wagen sie sich nicht in die Nähe dieses Stadtteils.

Sie wissen, dass sie an jeder Straßenecke nach ihrer Identitätskarte gefragt und durchsucht werden. Eran Efrati, der 2007 am Abu Snuneh-Posten Dienst gemacht hatte, sagt, dass im Instruktionsraum der IDF eine Order hing, auf der es hieß, man solle den Bewohnen das „Gefühl geben, verfolgt zu werden“.

In der Datenbank von “Breaking the Silence“ gibt es Zeugnisse von Soldaten, die beschrieben, wie man solch ein Gefühl hervorruft. Z. B. indem man Untersuchungen der Bevölkerung mitten in der Nacht macht (die IDF nennt dies „mapping“) oder durch Schlagen auf Töpfe.

Ein dünner Jugendlicher, unter dessen T-Shirt Fransen heraushängen, galoppiert auf einem weißen Pferd über ein Feld. Am Ende von Beit Hadassah befestigt Shaul seine schwarze Kippa und zeigt auf die palästinensische Mädchenschule. Er sagt, dass er in seinem Büro ein Video habe, das zeigt, wie die benachbarten  jüdischen Kinder über den Sabbat ihre Langeweile bekämpfen: sie werfen Steine auf die Mädchen.

In einer Gasse, die zum Großmarkt führt, der nach dem Massaker in der Moschee 1994 [siehe Baruch Goldstein HDZ] geschlossen wurde, schieben junge Juden eine Karre mit Baumaterial. Hinter den verschlossenen Türen entsteht unter den Augen der Soldaten eine neue Siedlung.

Am Eingang zum Grab der Patriarchen wird uns der Weg von sechs Grenzpolizisten versperrt. Ihr Kommandeur, der herbeigeeilt kam, sagte uns, dass wir nicht an der Seite von Yehuda Shaul eintreten dürften, weil er zu einer Gruppe „mit politischem Charakter“ gehört. Der Offizier bestätigte, dass vor ein oder zwei Tagen Noam Arnon, der Sprecher der jüdischen Gemeinde in Hebron, im Namen des Außenministeriums eine Besuchergruppe in das Grab der Patriarchen begleitet hatte. Die Siedler in Hebron sind – wie jeder weiß – keine Gruppe mit „politischem Charakter“.

Was der Staat in der Stadt tut, wo die Patriarchen begraben sind, oder in Sheik Jarrah, oder im Jordantal und im Gazastreifen hat nichts mit Judentum oder Demokratie zu tun. Solange der jüdische, demokratische Staat  so aussieht, weigere ich mich, meine Loyalität (gegenüber diesem Staat) auszusprechen.

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(dt. Ellen Rohlfs)

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