Gastbeitrag Womblog: Bürger-Lich(t)

Ohne viele Worte zur Einleitung – die sind in diesem Fall mehr als nur überflüssig – möchten wir den nachstehend veröffentlichten Beitrag unserer Partnerseite eindringlich zum aktuellen und akuten Lesebefehl erklären, weil er auf lesenswerte und zugleich tiefschürfende Weise das Dilemma aufzeigt, in dem wir „Bürger/innen Deutschlands“ im ganz besonderen Maße festsitzen … wenn man wirklich aufmerksam liest und ein angemessenes Maß an Aufnahmebereitschaft mitbringt, kann man darin aber auch alles finden, was zu seiner Überwindung nötig ist!

Von Lopez Suarez | Womblog |

– Bürger – dieses Wort scheint vielmehr ein Begriff, der so vieles beinhaltet und dennoch wenig festhalten kann. Ein wenig vas hermeticum – also analytisches Gefäß – welches der Alchimie gleich gefüllt werden möchte. Schließlich kommt es auf die korrekte Mischung an, damit aus Wasser Wein und aus Schrott Gold werde.

Ein Bürger hat Rechte, Pflichten und vor allem hat er eine Aufgabe: Ein Bürger muss sich Gehör verschaffen, denn schließlich hat er eine Stimme, die er nicht nur bei Wahlen abgeben sollte.

Historisch betrachtet ist ein Bürger ein mit allen Rechten der gesellschaftlichen Mitbestimmung ausgestattetes Individuum, Teil eines Ganzen und gleichzeitig sich selbst verpflichtet. Letztendlich muss er sich in erster Linie doch selbst treu sein, um auch in Verbindung mit anderen Menschen nicht fremdzugehen.

Ein Bürger ist vielleicht auch noch im 21.Jahrhundert der klassische Bewohner einer Burg – und zwar immer dann, wenn er sich nicht traut jenseits der Zinnen und schweren Tore ein anderes, mögliches Land zu entdecken und es auch für sich einzufordern. Vielleicht ist er auch heute noch eine Art Leibeigener, wenn er dem Burgherrn abnimmt, dass dieser ihn einsperrt, weil er ihn beschützen will. Der hermetische Riegel einer Festung – so soll der moderne Bürger glauben – sei weniger das Gesetzbuch, als vielmehr das Kabinett. Das Gesetzbuch scheint dafür nämlich doch zu nachgiebig und wenig spannend – pardon – spannbar. Letztendlich lässt es sich nämlich wohl nicht auf jeden Bürger anwenden. Insofern hat der Burgherr beschlossen, dem Bürger die Schlupflöcher der Gesetze plastisch vor Augen zu führen, indem er selbst exemplarisch zeigt, wie man es trotz Paragraphen-Schutzwall schaffen kann, die Burg zu erstürmen. Diese Ernstfall-Übung nennt man parlamentarische Immunität oder aber Machtmissbrauch. Schuld ist nicht der Burgherr. Schuld ist auch nicht das Gesetzbuch. Schuld ist der Bürger selbst, der nichts dagegen tut, wenn er sich verwählt hat. Statt nämlich einfach aufzulegen, könnte er versuchen herauszufinden, was ihn veranlasst hat, das Kreuz an der falschen Stelle zu machen. Er könnte es verstehen und allen anderen Bürgern mitteilen, damit diese ihrerseits ihre Entscheidung revidieren könnten.

Nun, vielleicht ist der virtuelle Burghof bisweilen zu eng, der postmoderne Bürger zu bequem geworden, als dass ihn Betrug und Missachtung durch die Burgherren noch bewegen könnten. Wohin sollte er auch gehen, sieht er sich doch von meterhohen- und dicken Wänden umgeben, die selbst dem Echo verbieten, sich jenseits der Begrenzung ein offenes Ohr zu suchen?

Bewegung ist dennoch ein gutes Stichwort, trifft es doch mitten ins Herz einer anderen Ver(sch)wendung des Begriffes BÜRGER, wenn auch ein wenig und unwesentlich verkürzt. Ein Bürge ist sozusagen der Zeuge einer Abmachung. Nicht direkt involviert und dennoch betroffen, steht er im Ernstfall für jenes gerade, was ein angeblicher Freund abgemacht aber nicht einhalten kann. Insofern bürgt der moderne Bürger für den Staat, der seinerseits Schulden macht, Politik versäumt und Gerechtigkeit und Mitbestimmung einfach ausblendet. Dennoch werden letztendlich die Bürger dafür gerade stehen müssen – mit ihren Steuern, mit ihrer Freiheit und mit ihrer Stimme. Wenn nämlich eine Bürgschaft ein Schuldverhältnis voraussetzt, wird diese irgendwann beglichen werden müssen.

Da wünscht man sich tatsächlich nicht den sprichwörtlichen, sondern den ursprünglichen Spießbürger zurück, der mit Mut und Courage bewaffnet seine Rechte verteidigt. Dabei sollte es jedoch weniger darum gehen, dass er vor seiner Burg Wache steht und sich nicht bewusst wird, dass der eigentliche Feind bereits die Macht im Inneren übernommen hat. Diese Taktik pflegen nämlich all jene vermeintlichen Burgherren-Aspiranten, indem sie die Angst gegen Angriffe von außen schüren und damit die Beschneidung der individuellen Rechte legalisieren wollen. Nein, es geht vielmehr um eine Art Palastrevolution, wo klar und deutlich wird, dass die Mauern einer Burg weniger das Innere vor dem Äußeren hin schützen als tatsächlich das Innere vom Äußeren abschneiden und isolieren.

Nun, auch ohne Umlaut sind Bürger und Spieße eine gelungene Kombination – oder zumindest eine schöne Allegorie. Hält man sich nämlich vor Augen, in welcher Position sich eine Frikadelle inmitten von zwei Brötchenhälften fühlen kann, wird einem auch hier klar, dass zwischen Schutz und Enge immer die Frage steht, inwieweit das Abgeben von Rechten den Bürger befreit oder aber auch beraubt. Eingeklemmt zwischen zwei Hälften weichen Brotes, ist die Verlockung groß sich und damit den Wunsch nach Selbstbestimmung einfach gehen zu lassen. Schließlich sind Gefühle wie Geborgenheit, Wärme und Unbekümmertheit nicht zu verachtende Konkurrenten von Empfindungen wie Kampf, Einsamkeit und mitunter auch Isolation. Es ist nicht selten eben jene Marginalisierung mündiger Bürger, die etwas sagen wollen und dies auch tun, welche letztendlich das Verlangen nach unkompliziertem und anspruchslosem Fast Food nährt. Den Mund aufzumachen kann manchmal auch bedeuten, dem eigenen Ärger Luft zu machen oder aber auch einen faden Geschmack auf der Zunge zu spüren.

Letztendlich ist es dann wohl auch keine Frage mehr, warum gerade ein Wort wie Bürger rein von der optischen Erscheinung her nicht zwischen Ein- und Mehrzahl unterscheidet. Schließlich sind alle gemeinsam und jeder für sich aufgerufen, dem Staat ein Gesicht und eine Form zu verleihen. Das kann dann nicht funktionieren, wenn jeder auf den anderen wartet in der trügerischen Gewissheit, dass es bei einem Bürger-Plural auf den einen oder anderen Singular nicht ankomme.

Ebenso ist es ein Irrtum zu glauben, dass bürgerlich einfach ein normales Eigenschaftswort sei. Nein, bürgerlich ist vielmehr das Resultat einer Übereinkunft, nämlich dass es Dinge gibt, die dem Bürger zugehörig sind. Es ist keine Wort-, sondern eine Sinnbildung, die hinter diesem Adjektiv steht. Das Bürgerliche Gesetzbuch, das bürgerliche Leben – dahinter steht mehr, als das vorangestellte Begleitwort vermuten lässt.

Dieser Beitrag, steht unter einer Piratenlizenz und darf Frei Verwendet werden.

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