Gideon Levy: Wie eine Feuersäule … zum 87. Geburtstag von Uri Avnery

Zunächst möchten wir uns den zahlreichen Glückwünschen anschließen, die dem Jubilar zu seinem 87. Geburtstag  übersandt wurden – und deshalb veröffentlichen wir auch den Artikel von Gideon Levy, der das, was dieser Mann geleistet hat und was auch ich uneingeschränkt respektiere und bewundere, wenngleich ich nicht immer umfassend einer Meinung mit ihm war (doch wer oder was bin ich schon im Vergleich mit diesem Lebenswerk?), ebenso menschlich wie sachlich korrekt auf den Punkt bringt!

© Uri AvneryQuelle

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Wie eine Feuersäule

Gideon Levy, Haaretz, 06.09.10

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs

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An diesem Wochenende wird ein bedeutender Israeli seinen 87. Geburtstag feiern.

Auch wenn er im selben Alter des israelischen Präsidenten ist und sein Einfluss auf Israels Geschichte nicht geringer als des letzteren ist, wird das Cameri-Theater keinen Galaabend zu seinen Ehren  geben, noch werden die Hohen und Mächtigen ihn mit nichtssagenden Gesten der Liebe  einhüllen. Wahrscheinlich wird sein Geburtstag nicht einmal bemerkt werden.

Während sein Altersgenosse Shimon Peres immer  mit der Volksmenge ging, ist dieser Mann weit vor der Menge gegangen – wie eine Feuersäule. Sehr wach, originell, unabhängig, tapfer, mit klarem Kopf und rasierklingenscharfem Verstand hat er die Nation gestaltet – mehr als es der Nation bewusst geworden ist. Während Peres immer versuchte, jedermann zufrieden zu stellen, versuchte dieser Mann nur seiner eigenen Wahrheit zu folgen, die ziemlich spät die Wahrheit der meisten unter uns wurde.

Und doch ist er übers Ohr gehauen worden. Vielleicht werden diese Zeilen, wenn auch in bescheidener Weise, die Ungerechtigkeit, die diesem unerkannten Propheten – Mister Hebräischer Journalismus – angetan wurde, wieder in Ordnung bringen.

Während Avnery seinen 87. Geburtstag feiert und fast so lange auch mit öffentlichen Aktivitäten, diskutiert Ministerpräsident Benyamin Netanyahu  vom Likud die Ideen, die Avnery schon  40 Jahre vor ihm erhob. Zu einem Zeitpunkt, als mehr als die Hälfte des Landes und fast die ganze Welt von „zwei Staaten“ spricht, ist Avnery in Vergessenheit geraten. Wenn seine Vision wahr wird – als unverbesserlicher Optimist verliert er nie die Hoffnung, dass es so werden wird – wird wenigstens die Geschichte, wenn nicht  Minister dieser Regierung, daran erinnern, wer den Eckstein gesetzt hat.

Die israelische Gesellschaft sollte diesen besudelten und geächteten Mann schon um Vergebung gebeten  und die verschwendeten Jahrzehnte mit unnötigem Blutvergießen bedauert haben, nur weil sein Rat nicht angenommen wurde. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welche Art Israel wir haben würden, wenn Avnery die einflussreichen Posten inne gehabt hätte, auf denen Peres saß; hätten doch Netanyahu, Peres und ihresgleichen Avnerys Ideen zur rechten Zeit  aufgenommen  – und nicht so maßlos spät.

Im wahrsten Sinn des Wortes ist Avnery ein Zionist und damit ein wahrer israelischer Patriot. Er kämpfte 1948; und seitdem hat er mit derselben Entschlossenheit gegen die Beibehaltung der Politik von 1948 gekämpft, die traurigerweise nie endete. Als früheres Mitglied der Kampfeinheit „Samsons Füchse“ war er der erste und der tapferste, der gegen die Militärregierung aufstand, gegen die Landenteignung in Galiläa, gegen die Diskriminierung und die Übernahme der Demokratie durch den „Mechanismus der Dunkelheit“ – einen Ausdruck, den er für die Shin Beth-Sicherheitsdienste prägte. Er war unter den ersten, die zur Beendigung der Besatzung aufriefen, zu Errichtung von zwei Staaten und zu einem Treffen mit der PLO, als dies noch als Verrat angesehen wurde. Als einsames Knessetmitglied war sein Einfluss größer als alle quasi-linken Parteien zusammen.

Als Herausgeber der Wochenzeitung Haolam Hazeh – etwa 42 Jahre lang – beeinflusste er die israelische Presse mehr als jeder andere Journalist. In Basel wurde der jüdische Staat gegründet; in der Gordonstraße in Tel Aviv, in der das Verlagsbüro von Haolam Hazeh sich befand, wurde eine unabhängige, anti-Establishment Presse gegründet, die furchtlos gegen alle Arten von Korruption kämpfte, gegen den Diebstahl von Antiquitäten eines  früheren Verteidigungsministers bis zum Diebstahl von Land durch die Siedler, selbst wenn dies auf der Rückseite eines Massenblattes erschien.

Eine ganze Generation bedeutender Journalisten wuchs mit dieser Wochenzeitung auf, Generationen junger Leute lasen sie, zuweilen heimlich, für den Fall, dass sie bei dem ungeheuerlichen Akt erwischt wurden. Jeder verleumdete die Publikation, selbst wenn sie Schlange standen – wie die, die sich jeden Dienstagabend vor dem Zeitungsverkäufer am Eingang des Café Kassit  in Tel Aviv bildete und am nächsten Morgen in der Knessetbuchhandlung – um sie zu lesen.

Vom Hebräischen, das wir sprechen, über die Zeitungen, die wir lesen und bis zum Ministerpräsidenten, der jetzt mit seiner Stimme spricht – Avnerys Einfluss kann kaum überbewertet werden.

Jetzt überstrahlt die Fülle seiner Jahre seine Jugend. Dieser noble, ältere Herr schreibt, protestiert und kämpft. In der ultra-orthodoxen  Welt würde er längst als oberster Führer angesehen werden; in der säkularen Welt ist er wie immer ein einsamer Soldat geblieben, der an den Rand gedrängt wurde. Vor langer Zeit erhielt er den Alternativen Nobelpreis. Keiner schlägt ihn als Kandidaten für den Israelpreis vor, obwohl  dadurch der Preis eher aufgewertet werden würde als Avnery selbst. Eine ehrenhaftere und mutigere Gesellschaft würde wenigstens jetzt auf ihn hören und sich mit großem Respekt  vor diesem wunderbaren Mann an seinem 87. Geburtstag verneigen.

Unsere herzlichen Glückwünsche, Uri Avnery und uns.

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