Yossi Sarid: Hier herrscht bereits der Faschismus

Als kleinen aber relevanten „Vorgeschmack“ auf die nächste Ausgabe unserer Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina, die bereits in Arbeit ist, möchte ich heute den obengenannten Artikel separat veröffentlichen. Zur Begründung möchte ich einerseits anführen, dass er die Realität in der „einzigen Demokratie des Nahen Ostens“ sehr treffend skizziert und andererseits auch uns einen Spiegel vorhalten und erkennen lassen sollte, dass wir ebenfalls nur in einer „freiheitlich-demokratischen“ Farce leben, die etwas vollständig anderes beinhaltet als auf der verkauften und nach wie vor angenommenen Verpackung draufsteht …

Doch entscheiden Sie selbst, ich gehe zuversichtlich davon aus, dass Sie die tiefere Bedeutung der obigen Aussage begreifen werden, wenn Sie den sehr guten und wichtigen Artikel gelesen haben!

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Wenn es keine Menschen gäbe, die protestieren, müssten Netanyahu, Livnat und Sa’ar sie erfinden. Nach allem sind diese Persönlichkeiten der letzte lebende Beweis für ein demokratisches Regierungs-System in Israel

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Hier herrscht bereits der Faschismus

Von Yossi Sarid, Haaretz, 03.09.10

(Übersetzt von Inga Gelsdorf)

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Israels Demokratie ist hauptsächlich Dekoration, so wie ein Baum, der nur aus Schönheitsgründen wächst, keine Früchte trägt. Nur wenige Menschen nutzen sie oder die Rechte, die sie bringt. Viele sind lediglich froh, bei den Knessetwahlen mit abzustimmen, sogar deren Anzahl wird langsam immer geringer.

Stammt die Passivität der israelischen Staatsbürger von Faulheit, Apathie oder Hoffnungslosigkeit? Das Gefühl, keinerlei Einfluss nehmen zu können oder irgendetwas ändern zu können?

Wenn Regierungen genügen, damit Länder funktionieren, ist die Regierung unnachgiebig und schreibt der Opposition (ihre) Politik vor – mit einer Opposition, die sich aus solchen Personen zusammensetzt wie Tzipi Livni, Shaul Mofaz und Tzachi Hanegbi, ist das bestimmt möglich. Eine Demokratie, die langsam verkümmert, die nicht täglich genutzt wird, wird zu einem überflüssigen Instrument.

Aber hier finden wir ein Paradox: Diejenigen, die gegen die Demokratie ankämpfen, um sie zu zerstören und an deren Stelle einen alternativen Staat zu errichten, sind genau die Menschen, die wissen, wie man die Demokratie in vollen Zügen instrumentalisiert. Sowohl die Siedler, als auch die Rabbiner, die ihre Studenten lehren, wie „ihr jüdischer Staat“ aussehen wird, wissen es. In den letzten Monaten scheint es so, als ob der Faschismus bereits hier angekommen sei und direkt hinter der Mauer wartet.

Sogar der Genius unserer Zeit – für den das Oberste zuunterst gekehrt wurde – weiß es, wenn er durch seine wöchentlichen Heißluft-Emissionen Recht spricht. Sie brauchen die Demokratie, um sie wegzuwerfen.

Hier und da gibt es ein paar,  die wenigen, die in der Wüste verloren waren, schwören ihnen ab,  aber dann stürzen sie sich plötzlich auf sie – sowohl auf die Regierung als auch  auf die Rabbiner, um sie zu verängstigen und  verbieten ihnen den Mund. Was kann ein Mensch, der protestieren will, tun, wenn seine Seele aufgrund derer, die töten und derer, die getötet werden, verzweifelt ist? Wenn seine Seele von der Besatzung genug hat und alles, was er will, ist, dass es ihr nicht gelingt, seine Wünsche (auch noch) zu beherrschen? Was bleibt jemanden zu tun, wenn er sein eigenes und unser aller Seelenheil sucht?

Wenn er an dem populären Kampf gegen den Trennungszaun teilnimmt, wird er außerhalb des Friedhofszaunes begraben; wenn er in Sheikh Jarrah demonstriert, wird er die strenge Hand der Polizei spüren; wenn er ein Universitätsdozent ist, werden sie Wachhunde auf ihn hetzen im Namen des Zionismus; wenn er zu einer Theatergruppe gehört und jemand ist, der immer noch die Grüne Linie vor seinem geistigen Auge sehen kann, werden sie seine Einkommensquelle bedrohen; wenn er Schuldirektor ist, der nicht die Siedlungen zu unterstützen versucht, sondern versucht, sie seinen Schülern einzuprägen, wird man für ihn nach einer anderen Institution/Stelle Ausschau halten, weil dies nicht so ist, wie wir das tun; wenn es einen Richter gibt, der zu leugnen wagt, dass Sicherheit die höchste Bedeutung hat, werden sie ihm die Schuld am Blutvergießen geben; wenn er ein Journalist ist, der sich weigert, in den Chor mit einzustimmen, werden Schreie laut, seine Zeitung zu boykottieren; wenn er ein Bürger ist, der ein Kind beschützen will, das mit der Vertreibung aus seinem Land bedroht wird, wird er auch zum Volksfeind abgestempelt  und so gibt es noch viele …

Was für eine stupide Regierung. Wenn solche Menschen nicht da gewesen wären, um die Zäune zu durchbrechen und sich zu behaupten, müssten Benjamin Netanyahu, Limor Livnat und Gideon Sa’ar sie dazu auffordern, um eine Sonderklausel im Budget zu finden, sie zu unterstützen. Letztlich sind diese ihre Alibis und der letzte lebende Beweis eines demokratischen Regierungs-Systems in Israel.

Ohne sie bliebe die Regierung übrig, mit dem aufgeblasenen Eli Yishai und Rabbi Ovadia Yosef, die ständig nur heiße Luft von sich geben, aber um Himmelswillen nicht als das nationale Skunk (Stinktier) abgestempelt werden sollten. Der Premierminister behauptet, dass er nichts hören kann und alle Minister halten ihren Mund, genau wie er. Wie einfach ist es, die linken Künstler zu Beginn der Kabinettsitzung zu verurteilen und zu drohen, sämtliche Lichter auf ihrer Bühne auszuschalten.

Nächste Woche tritt der Präsident seine jährliche Pilgerreise zu dem Rabbi an, um ihm ein frohes neues Jahr zu wünschen, ein Jahr, in dem all sein Verlangen und all seine Wünsche erfüllt  werden sollen.

2 Antworten

  1. […] Sarid – Hier [Israel] herrscht bereits der Faschismus (=> Klick) vom 5. […]

  2. Ich glaube nicht, dass Jossi Sarid beweisen wollte, dass in Israel eine Demokratie herrscht, sondern eher umgekehrt. etwas Anderes von Jossi Sarid, das ich übersetzte und nicht auf zmag erschien (von der Zeit des großen Lehrerstreiks): http://abumidian.wordpress.com/deutsch/dieser-kampf/

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