Hans Fricke – Offener Brief an Lothar de Maizière („Unrechtsstaat“ DDR)

Mit dem uns per Mail zugegangenen Offenen Brief wandte sich Hans Fricke an den letzten Ministerpräsidenten der ehemaligen DDR. Hintergrund: dessen Erklärung gegenüber der Passauer Neuen Presse in Bezug auf die BRD-Totschlagpropaganda „Unrechtsstaat DDR“.

Wir veröffentlichen den Brief in schweigender Übereinstimmung und Solidarität.

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24.08.2010

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Sehr geehrter Herr Dr. de Maizière,

mit Genugtuung habe ich (79, parteilos) von Ihrer Erklärung gegenüber der Passauer Neuen Presse Kenntnis genommen, wonach die DDR „kein vollkommener Rechtsstaat“, aber auch „kein Unrechtsstaat“ gewesen sei. Gleichzeitig habe ich mit Empörung  gelesen, wie getroffen die Medienmeute, Politiker und Opferverbände darauf reagieren und vereint über Sie herfallen. Ein Vorgang, den Sie mit Sicherheit vorausgesehen haben. Dass Sie sich dennoch am Vorabend des 20.Jahrestages des 3. Oktober  1990 zu diesem Aufsehen erregenden Tabubruch entschlossen haben, verdient Respekt. Offenbar sind auch Sie der Meinung, dass es 20 Jahre nach Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands höchste Zeit ist, mit politisch motivierten Legenden aufzuräumen und endlich der Wahrheit die Ehre zu geben. Obwohl ich erst im Zusammenhang mit Ihrer  o.g. Erklärung von Ihrem im September erscheinenden neuen Buch „Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen“- Die wahre Geschichte der Wiedervereinigung: Meine Geschichte der deutschen Einheit – erfahren und es deshalb noch nicht gelesen habe, nehme ich an, dass auch dieses Buch diesem Zweck dient.

Aus den Medien  ist mir bekannt, dass Sie sich in den vergangenen 20 Jahren aus verschiedenen Anlässen zu dieser Problematik sowie zur damaligen Rolle und Verantwortung der von Ihnen geführten Regierung geäußert haben, zumeist allerdings in einer Weise, die von mir deshalb nicht gebilligt wurde und wird, weil ich andere Erfahrungen gesammelt und deshalb eine andere Sicht der Dinge habe. So teile ich zum Beispiel Ihre jüngste Auffassung  nicht, die Vokabel „Unrechtsstaat“ für die DDR sei „unglücklich“. Hierbei handelt es sich keinesfalls um eine „unglückliche“ Vokabel, sondern um einen von den derzeit Regierenden bewusst geprägten Kampfbegriff mit dem eindeutigen Ziel, den anderen deutschen Nachkriegsstaat zu diskreditieren, mit der verbrecherischen Nazi-Diktatur gleichzusetzen und alle jene DDR-Bürger ihr Leben lang zu kriminalisieren und gesellschaftlich auszugrenzen, die sich mit ihrem Staat identifiziert und für ihn engagiert haben. Jeder Versuch der Verharmlosung dieses Sachverhaltes hilft den Initiatoren dieser Politik und ihren Hintermännern, ihre wahren Ziele zu verheimlichen.

Die Ankündigungen im Titel Ihres Buches „Die wahre Geschichte der Wiedervereinigung“ und „Meine Geschichte der deutschen Einheit“ ist für mich Veranlassung, Sie mit den beigefügten Anhängen auf die von mir e r l e b t e „Geschichte der deutschen Einheit“ aufmerksam zu machen – eine  nach meiner Auffassung skandalgeprägte Geschichte, die Millionen früherer DDR-Bürger gemeinsam mit mir erlebt haben und unter deren Folgen sie, ihre Kinder und Enkel  heute noch zu leben gezwungen sind.

Sehr geehrter Herr Dr. de Maiziere, ich hoffe, dass Sie sich, was die Bezeichnung der DDR als „Unrechtsstaat“ angeht, nicht beirren lassen, sondern allen Anfeindungen zum Trotz zu ihrer Auffassung stehen, und damit als Ex- DDR-Ministerpräsident alle diejenigen unterstützen, die sich gegen Geschichtslügen wehren und endlich eine wahrheitsgemäße Beschäftigung mit der Nachkriegsgeschichte beider deutschen Staaten und der Geschichte der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands sowie ihrer Folgen fordern. Das Wutgeheul der eingefleischten Feinde der DDR und der mit ihnen verbundenen Medien über ihre jüngste Erklärung und die Unterstellungen und beleidigenden Äußerungen, denen Sie ausgesetzt sind, werte ich als Beleg dafür, wie gering die Chancen dafür sind, den bevorstehenden 20 Jahrestag der Einheit für einen sachlichen und wahrheitsgemäßen  Rückblick auf den Prozess des Anschlusses der DDR an die BRD und die verfehlte Regierungspolitik der vergangenen  zwei Jahrzehnte zu nutzen.

Mit freundlichen  Grüßen

Hans Fricke, Rostock

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Anlage 1

Anlage 2

2 Antworten

  1. Hallo Herr Fricke,
    schliesse mich zu 100% Deinem offenen Brief an. Besser kann man’s nicht sagen. Kenne Dein Buch „Davor Dabei Danach“ und viele andere von Anderen auch. War selbst reichlich 24 Jahre dabei.

    Mit besten Grüßen

    Dieter Triemer

  2. Hallo Herr Triemer,

    da Herr Fricke zwar als Gastautor bei uns geführt wird, wahrscheinlich aber nicht so häufig hier liest, werde ich Ihre Erwiderung gerne an ihn weiterleiten.

    Mit besten Grüßen
    Hans-D. Ziran

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