Besondere Leseempfehlungen 04.08.10 … kommentiert

Zu später (oder früher, wie man’s nimmt) Stunde möchte ich noch einen kleinen Strauß von Leseempfehlungen überreichen, die Artikel betreffen, welche mich auch zu vorgerückter Stunde noch zu fesseln vermochten. Es sind sehr verschiedene Themen, aber jedes davon erachte ich persönlich für wichtig genug, um etwas Zeit dafür aufzubringen.

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Roberto J. De Lapuente [ad sinistram] … Rücklings angestochen (03.08.10)

Zitat:

Obzwar sich die Meinungsmacher einig sind, dass die Veröffentlichung der WikiLeaks-Akten eigentlich kaum etwas Neues oder Aufsehenerregendes geboten hat, außer vielleicht die randständige Entdeckung, dass die Situation in Afghanistan zerfahrener, ja auch viel schmutziger ist, als das die Berichte von auf Hochglanz polierten Fronten vorgaben – obgleich also im Osten nichts Neues, so mehren sich doch Klänge, wonach die Veröffentlichung der Akten ein Schlag gegen die eigenen Soldaten sei, weil die Taliban nun mitlesen könnten. Was da über unseren Köpfen schwebt ist weniger das Damoklesschwert mitlesender, bisher aber meist als analphabetisch umschriebener Fundamentalisten, als eine kürzere Stichwaffe, als ein Dolch nämlich – als die Dolchstoßlegende nämlicher. Nicht dass die Herausgabe der Akten über Sieg oder Niederlage entschieden hätte – um zu gewinnen ist man ja durchaus nicht nach Afghanistan marschiert, und um zu verlieren schon überhaupt gar nicht! Auf in den Kampf!, riefen sie nur aus einem Grunde: um Witwen zu trösten und Brunnen zu entgiften – um humanitär tätig zu werden. Die Dolchstößler meucheln damit nicht den militärischen Sieg, sie fallen den Witwentröstern und Brunnenentgiftern in die ungeschützte Flanke, sie lynchen folglich Witwen und Wassertrinker rücklings […]

Zitat Ende.

Kommentar: Es ist für mich zwar immer ein besonderer Genuss, die unterschiedlichen, aber immer wieder eloquent in Worte gepackten und in Szene gesetzten Kommentare aus Robertos „Feder“ zu lesen, doch mit diesem hochaktuellen Husarenstreich hat er sich (wieder einmal) selbst übertroffen. Wenn man es mal so banal ausdrücken darf: sein jüngster Artikel ist ein absolut gelungener Rundumschlag gegen die Deutungshoheit und Meinungsführerschaft unserer Herrschenden und deren schreibenden, talkenden oder sonst wie gleichgeschalteten, aber „sicherheitsrelevanten“ Müll von sich gebenden Hofnarren (auch Medien und Experten genannt), der nichts von Relevanz auslässt und dabei stets ins Schwarze trifft. Auch deren hinter Besorgnis und Verantwortung versteckte Angst vor den unberechenbaren „freien Wilden“ unter den Internetuser/innen hat er nicht zu erwähnen vergessen! – Prädikat: Besonders lesewert und trotz aller Realitätsbezogenheit genauso unterhaltsam!

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Gert Flegelskamp [flegel-d.de] … Lücke im Gesetz (03.08.10)

Zitat:

[…]Es mag so scheinen, dass die Themen dieses Beitrags ziemlich zusammenhanglos sind, doch das sehe ich anders. Die Pharmaindustrie schafft erst die Voraussetzung, dass immer mehr Menschen in ihre Abhängigkeit geraten. Das ist bei Supermarktketten und Discountern auch so und mit der EU soll diese Vorgehensweise zementiert werden. Das Thema Loveparade zeigt uns den Anspruch und die Wirklichkeit der politischen Eliten. Große Worte, aber nichts dahinter.

In allen Fällen könnten wir es selbst es ändern, verkriechen uns aber lieber hinter dem Satz: „Ich kann ja doch nichts machen.“ Wenn 82 Millionen Bürger das sagen und nichts machen, dann wird sich auch nichts ändern. Würden aber 82 Millionen Bürger sagen: „Ich hab es satt, ich lasse mir das nicht länger bieten!“, dann ist alles möglich. Es müssten nicht einmal 82 Millionen sein. Die Hälfte würde reichen, die Hälfte, die gemolken und immer wieder vorgeführt wird. Wenn sie erst einmal beginnt, die Dinge im Zusammenhang zu sehen, anstatt alles als einzelnes Ereignis ohne Verbindung zu anderen Ereignissen zu sehen, dann wäre viel gewonnen.

Zitat Ende.

Kommentar: Was Rösler und die Pharmaindustrie mit den Themen Aldi (Discounter / Supermärkten), EU, Loveparade und Politikerdefinition für „Verantwortung“ sowie zu guter Letzt mit der (freie Interpretation) Verfasstheit unseres Staats- und Gemeinwesens verbindet, hat der Autor in der zitierten Passage selbst erläutert. Warum ich die gesamten Ausführungen für so gelungen halte, dass ich dem Artikel eine besondere Leseempfehlung spendiere, dürfte den meisten Stammlesern unseres Blogs durch den letzten Absatz ebenfalls offensichtlich werden!

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Jens Berger [Der Spiegelfechter] … Die Unmoral des Oberbürgermeisters (02.08.10)

Zitat:

Adolf Sauerland will sich abwählen lassen. Anstatt die politische Verantwortung zu übernehmen, führt der Duisburger Oberbürgermeister ein Possenspiel auf, bei dem es schlussendlich nur um die Rettung seiner Luxuspension geht. Der Fall Sauerland wird somit immer mehr zu einem Mahnmal gegen die Unmoral der politischen und gesellschaftlichen Eliten […]

Zitat Ende.

Kommentar: Den „Fall Sauerland“ bis hin zum Umstand, dass es für die Opfer und ihre Angehörigen letzten Ende vollkommen irrelevant ist, ob der Herr mit seinem miesen Taktieren durchkommt oder nicht, sehr gründlich und sachlich korrekt abarbeitender Beitrag. Er stellt verschiedene, in der öffentlichen Berichterstattung (teilweise auch von Blogs transportiert) fehlerhaft dargestellte Sachverhalte richtig und bringt die Thematik an sich u. a. mit der zitierten Passage fraglos auf einen allgemein gültigen Punkt!

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Robert Fisk [Hintergrund / The Independent] … Israel hat sich in die EU eingeschlichen, ohne dass es jemand bemerkt (03.08.10 / 31.07.10)

Zitat:

Der Tod fünf israelischer Soldaten bei einem Helikopterabsturz in Rumänien am 26. Juli 2010 produzierte kaum Schlagzeilen. Ein Manöver der NATO und Israels war gerade im Gange. Nun, dann ist es in Ordnung. Man stelle sich jetzt vor, fünf Hamas-Kämpfer wären diese Woche bei einem Helikopterabsturz in Rumänien gestorben. Wir würden dann immer noch diesen außergewöhnlichen Vorgang untersuchen. Um es klarzustellen, ich vergleiche nicht Israel mit der Hamas. Israel ist das Land, das berechtigterweise mehr als 1.300 Palästinenser in Gaza vor 19 Monaten abschlachtete – davon mehr als 300 Kinder – während die bösartige, blutrünstige und terroristische Hamas 13 Israelis tötete (davon drei Soldaten, die sich aus Versehen gegenseitig erschossen haben) […]

Zitat Ende.

Kommentar: Bevor ich meine abschließende Runde durchs Internet machte, hatte ich mir vorgenommen, den Originalartikel in Englisch in die Liste meiner besonderen Leseempfehlungen aufzunehmen, weil er (das ist man als Kenner der Arbeit von Robert Fisk gewohnt) eine Vielzahl von nicht im Mainstream aufzufindender Informationen mit einem bissigen, aber angemessenen Kommentar verbunden hat. Dank Hintergrund kann ich dieses Vorhaben jetzt auch für die Leser/innen verwirklichen, die nicht über ausreichende Englischkenntnisse verfügen.

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Englischer Artikel – nicht übersetzt, aber trotzdem mehr als nur eine Leseempfehlung wert!

Max Blumenthal A Tale of two Summercamps and one dark Future (03.08.10)

(Übersetzt etwa: Eine Geschichte von zwei Sommerlagern und einer düsteren Zukunft)

Zitat:

[…]The answer is in Kiryat Gat, where underprivileged teenagers are dispatched to raze Arab towns for a meager hourly wage. And the answer is in Kfar Tavor, where well-off children too young to muster critical thoughts are urged to embody the legendary warriors who literally wiped scores of Palestinian villages off the map. Like the killers of Qibya, they too were raised on and nurtured on the values of a Zionist education.

[Freie Übersetzung auf die Schnelle: Die Antwort liegt in Kiryat Gat, wo unterprivilegierte Jugendliche entsandt werden, um für einen kargen Stundenlohn arabische Orte zu zerstören. Und die Antwort liegt in Kfar Tavor, wo gutsituierte Kinder, die zu jung sind um kritische Gedanken aufzubringen, dazu angehalten werden, die legendären Krieger zu verkörpern, die viele palästinensische Dörfer buchstäblich von der Landkarte radiert haben. Wie die Mörder von Qibya, auch sie wurden mit den Werten einer zionistischen Ausbildung aufgezogen (und genährt?). ]

Eine Art Fortsetzung des letzten, in den regulären Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina vom 1. August vorgestellten „Sommerlager-Artikel“. Der aktuelle Artikel macht überaus deutlich, auf welch infame Weise der zionistische Staat Israel Kinder und Jugendliche indoktriniert respektive, wenn sie aus armen Familien „mit Migrationshintergrund“ (um einen bundesdeutschen Fachbegriff mit vergleichbarer Bedeutung zu verwenden) stammen, für einen Hungerlohn instrumentalisiert werden … die zionistischen „Traditionen“ und Helden der Vergangenheit als Vorbilder der neuen Heldengeneration? Auch diesem Artikel möchte und muss ich aufgrund seines außergewöhnlichen Informationsgehalts eine besondere Leseempfehlung widmen.

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