Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina

In der heutigen Ausgabe unserer Reihe „Themenschwerpunkt“ können wir ihnen Übersetzungen von Ellen Rohlfs anbieten, die sich Artikeln der nachfolgenden Autoren angenommen hat:

Adam Keller, Gideon Levy, Menahem Klein, Mohammed Khatib, Haaretz (Editorial) uns eines/einer unbekannten Verfasser/in aus Gaza, der/die ein Gedicht an die Welt geschrieben hat …

… ergänzt wird das Angebot durch einen englischen Artikel von Max Blumenthal und eine eingeschobene Leseempfehlung ein kostenlos zum Herunterladen bereitgestellten Buches aus dem Jahr 1985/86 betreffend, das einige Klarheit hinsichtlich der Geschichte des Staates Israel bringen sollte.

Wir wünschen Ihnen anregendes und erleuchtendes Lesevergnügen sowie einen guten Start in die kommende Woche.

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Adam Keller [Blog] … Crazy Country … Verrücktes Land: Israelische Kultur (26.07.10)

Zitat:

Die IDF verspricht – und sie hält ihr Versprechen. Vor einigen Wochen versprach die IDF den Dorfbewohnern von Al-Farsieyah im Jordantal, ihr Dorf würde vollkommen zerstört werden und dass man sie obdachlos unter dem Himmel lassen würde. Die Armee versprach – und wie abgemacht, kamen die Soldaten mit Fahrzeugen und Bulldozern. Die Häuser  wurden zerstört, die Hütten wurden zerstört, die Zelte wurden zerstört, die Viehställe wurden zerstört. Alles, total alles wurde zerstört. Dazu war nicht viel Zeit nötig und keine großen Anstrengungen, um das ganze Dorf zu zerstören und von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen. (Nun, es war ein ziemlich kleines Dorf, nur gerade etwas mehr als 100 Leute …) […]

Zitat Ende.

Kommentar: Auf den kürzest möglichen Punkt gebracht, geht es in diesem Artikel um Themenbereiche wie „Befehl und Gehorsam“, kulturelle (wenn man es mal so nennen will) Bigotterie und nicht zuletzt den hohen Preis, den man auch in „der einzigen Demokratie des Nahen Ostens“ für Zivilcourage und Widerstand gegen unübersehbares Unrecht zu zahlen hat. Allzu große Unterschiede zur Realität in anderen sogenannten „westlichen Demokratien“ entdeckt man da eigentlich nicht, wenn man davon absieht, dass in Israel offensichtlich keine Notwendigkeit besteht (oder zu Recht nicht gesehen wird), diese Realität hinter kunstvoll gestalteten Fassaden zu verbergen. Man könnte den Grund dafür zweifelsohne mit wenigen Sätzen unmissverständlich benennen, aber das überlasse ich lieber Menschen, die dieses System und die Realität vor Ort aus erster Hand kennen!

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Gideon Levy [Haaretz] … Kranke Polizei (25.07.10)

Zitat:

Eine Polizei, die einen Offizier wie Shahar Mizrahi aus Scham nicht sofort entlässt, ist eine schlechte Polizei. Statt den Offizier, der einen angeblichen Autodieb erschoss, zu verurteilen, sagte der Polizeikommissar Cohen, die Polizei werde ihn weiter unterstützen. Cohen sollte nicht weiter Kommissar bleiben. Ein Kommissar, der implizit den Obersten Gerichtshof kritisiert, ist ein Kommissar, der die Herrschaft des Rechts schädigt. Dieses sind zwar ernsthafte Anklagen, aber die Haltung der Polizei ist nicht weniger ernst zu nehmen.

Die Identifizierung der Öffentlichkeit mit Mizrahi, die Klagen über sein bitteres Schicksal und die Drohung, die Polizei werde nicht in der Lage sein, ihre Aufgabe zu erfüllen, hat die schlimme Tat, die er begangen hat, verschleiert. Dies war natürlich absichtlich. Der Kriminelle wurde zum Helden. Erinnern wir uns an die  Einzelheiten des Vorfalls, die die Richterin i.R. Dalia Dorner als „Exekution“ bezeichnete. Mizrahi tötete einen unbewaffneten Zivilisten, der das Leben des Offiziers nicht bedroht hat. Mizrahi schoss aus der Nähe scharf in den Kopf eines Zivilisten, der zu fliehen versuchte. So verletzte er das Gesetz und die Vorschriften für das Eröffnen von Feuer […]

Zitat Ende.

Kommentar: Der geschilderte Sachverhalt ist leider nicht nur für das israelische (westliche) Rechtsverständnis exemplarisch, soweit es um den Schutz von dem Staatsapparat dienenden Tätern geht, sondern auch für das Denken von indoktrinierten, obrigkeitshörigen und gleichgestalteten „Staatsbürgern“, die genau wie ihre Lenker jegliches Verständnis für Recht und Gesetz, mehr noch allerdings für Anstand und Menschlichkeit verloren haben. Umso wichtiger, dass es trotzdem immer wieder mutige Menschen gibt, auch solche in verantwortlicher Position, die sich diesem befohlenen Irrsinn wiedersetzen – und diese Menschen, also auch „normale kleine Lichter wie wir“, sollten diese wenigen Ausnahmen von der allenthalben geltenden Regel nach besten Kräften unterstützen … Solidarität kann und darf keinerlei Grenzen kennen.

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Menahem Klein [Jerusalem Report] … Universalismus und Israels Universitäten (02.08.10)

Zitat:

Durch Israels akademische Welt wehen keine guten Winde. Während das Land unter dem Druck der internationalen Arena steht, wächst die Anzahl der Leute in Machtpositionen in der Regierung und den Universitäten, die danach drängen, akademische Loyalität gegenüber dem Staat zu mobilisieren – auf Kosten der universalen humanistischen Werte, die im Zentrum westlicher akademischer Bemühungen liegen […]

Zitat Ende.

Kommentar: Die oben zitierte Aussage aus einem Artikel, der das dargestellte Problem sehr gut aufzeigt, repräsentiert einen Aspekt der „herrschenden Meinung“ und der daraus resultierenden Definitions- und Argumentationshoheit, dem wir – nicht nur im Hochschulbereich – auch hierzulande sehr oft begegnen. Loyalität gegenüber dem „Staat“ (soll heißen dem „System“) wurde und wird gerade in den „entwickelten“ westlichen Industrienationen über die freie Entfaltung von Forschung, Lehre und zu guter Letzt auch anwendbarem Wissen gestellt. Dazu folgt im Rahmen dieser Leseempfehlung noch ein weiterer, noch deutlicher den Finger in eine klaffende Wunde legender Artikel, zu dem ich dann auch noch einen kurzen und provokanten Kommentar beisteuern werde.

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Mohammed Khatib [Bi‘lin] … Ahmad Burmat braucht Hilfe, um aus dem Gefängnis zu kommen (27.07.10 – Spendenaufruf)

Palästina – am Beispiel einer Familie in Bi’lin …

Kommentar: Wir leiten zwar gerne auch den Spendenaufruf weiter und wären dankbar, wenn sich auch einige unserer Leser/innen (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) an dieser Aktion beteiligen würden. – Vor allem möchten wir jedoch die Fakten, die in diesem Aufruf enthalten sind und ein schon oft aufgezeigtes und angeklagtes Unrecht repräsentieren, welches vom israelischen Staat fortgesetzt begangen wird, weitertransportieren. Diese Willkür, die ohne jede Frage vorrangig als Mittel zur Zerschlagung des legitimen und gewaltfreien Widerstands des palästinensischen Volkes dient, verstößt nicht alleine gegen die simplen Regeln von Menschlichkeit und Anstand, sondern verletzt vor allem international geltendes Recht. Beides ist inakzeptabel, aber wenigstens den penetranten, menschenverachtenden und alle vollmundigen Behauptungen Israels hinsichtlich seiner demokratischen und moralischen Gesinnung Lügen strafenden Rechtsbruch sollten wir alle verurteilen und nicht noch befördern, indem wir uns der unterwürfigen und berechnenden Praxis der politischen Verantwortlichen von BRD und restlicher westlicher Wertegemeinschaft anpassen!

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(Noch) unbekannter Verfasser (Gaza) … Denkst Du noch an uns?

Ein Gedicht …

Kommentar: Ein Kommentar fällt hier schwer … ich kann nur darum bitten, dieses Gedicht einmal zu lesen und es auf sich wirken zu lassen. Man sollte diese Worte meiner Ansicht nach (ebenso wie alle Beiträge, die wir in dieser Reihe empfehlen) vor allem gegen die stereotype, Tatsache nach Gutdünken verfälschende und von unerträglicher Scheinheiligkeit und Doppelmoral zeugende pro-israelische Propaganda einsetzen. Mehr fällt mir dazu momentan nicht ein … vor allem, da ich es bekanntlich vollkommen unverständlich finde, dass überhaupt irgendjemand auf diese verlogene und einseitige Darstellung einer Geschichte hereinfällt, die nicht erst sein 1967 offenkundig und für jeden, der sehen und verstehen will, auch sichtbar geworden ist. -> Hierzu noch ein Lese-Tipp außer der Reihe: PDF-Version (eingescannt) des Buches Die Erde habt ihr uns genommen von Viktoria Waltz und Joachim Zschiesche, das über die Seite Palästina-Portal kostenlos heruntergeladen werden kann.

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HaaretzEditorialEin Staat fürchtet sich vor seiner Vergangenheit (29.07.10)

Zitat:

Vor etwa zwei Wochen unterzeichnete der Ministerpräsident Benyamin Netanyahu Verordnungen, die den Zugang zu Regierungsarchiven einschränken. Wie Barak Ravid gestern in Haaretz aufdeckte, wird 50 Jahre altes Material, dass für historische Studien für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte,  zwei weitere Jahrzehnte verschlossen bleiben […]

Zitat Ende.

Quelle der Grafik

Kommentar: Ich glaube, der Artikel selbst und erst recht die obenstehende, dem Archiv des Palästina-Portals entliehene Grafik sagen schon alles, was zum Thema selbst zu sagen ist. Aber diese Geheimniskrämerei, welche meistens unter dem Deckmantel der „nationalen Sicherheit“ betrieben wird – und dieser aus Sicht der zu schützenden Interessen, die selbst zwar internationaler Ausprägung sind, aber dennoch durch die Enthüllung nationaler oder regionaler Fakten gefährdet werden könnten, auch dienen, trifft man ja definitiv nicht nur in Israel an. Die Frage, ob Israel hier nach denselben „Lehren“ handelt wie all die anderen „Staaten“, die sich mit Händen, Füßen und eigens ausgearbeiteten Gesetzen dagegen sträuben, der Öffentlichkeit Einblick in alle Dokumente, die für diese von Relevanz wären, zu gewähren, dürfte sich mit einem klaren „Ja!“ beantworten lassen. Darauf gehe ich hier und jetzt nicht näher ein, aber in absehbarer Zeit werde ich das an anderer Stelle nachholen!

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Außer der Reihe …

Leseempfehlung in englischer Sprache

Zu einem weiteren Kapitel der durch fadenscheinige und jedes gesunde Gerechtigkeitsempfinden zum Aufruhr zwingende Gesetze legitimierten ethnischen Säuberung qua Landraub hatte Adalbert in der letzten Ausgabe seiner „Meckerecke“ bereits einen Artikel von Schall und Rauch verlinkt, in dem die Zerstörung des Beduinen-Dorfes al-Arakib im Negev behandelt wurde.

Das gleiche Thema – allerdings aus erster Hand und nächster Nähe – hat auch Max Blumenthal in seinem Artikel The „Summer Camp Of Destruction“: Israeli Highschoolers assist the Razing of a Bedouin Town vom gestrigen Samstag verarbeitet. Der Titel heißt, grob übersetzt, etwa: Das „Sommerlager der Zerstörung“: Israelische Gymnasiasten assistieren bei der Zerstörung [Abriss / Auslöschung] einer Beduinenstadt … Dass dies den „Schüler/innen“ nicht nur offensichtlich ein echtes Vergnügen bereitet zu haben scheint, sondern auch sehr viel darüber aussagt, was diese Jugendliche in ihren Schulen beigebracht bekommen und was die gesamte israelische Gesellschaft infiziert, führt der Artikel aus und stellt auch noch einige andere Fragen, die uneingeschränkt berechtigt und auch angebracht sind.

Wie gesagt, der Artikel liegt nur in Englisch vor und mir fehlt es bekanntlich an der Zeit, neben meinen „normalen Pflichten“ auch noch Übersetzungen anfertigen zu können, aber ich gehe davon aus, dass sich bei Interesse auch dann ein Weg finden wird, den Artikel zu beachten, wenn man persönlich nicht der englischen Sprache mächtig ist.

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