Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina

Auch wenn der Blog deshalb wieder einmal fast (unserem wackeren und unerschütterlich unberechenbaren Mitstreiter Jochen Mitanna sei’s gedankt) komplett von diesem Thema vereinnahmt wird, sehen wir uns förmlich dazu gezwungen, diese neue Folge unserer Leseempfehlungen zu veröffentlichen.

Hierzu sei zunächst der obligatorische und aufrichtige Dank an die Übersetzerin, Ellen Rohlfs und unseren befreundeten Kollegen und Mittelsmann Lopez vom Womblog abgestattet!

Der Nahe und Mittlere Osten ist zurzeit fraglos der Krisenherd und übertrifft in seiner kurz- und mittelfristigen Bedeutung sogar das einerseits außerordentlich fragwürdige und andererseits eine globale Umweltbedrohung darstellende Öldesaster im Golf von Mexiko. Hinzu kommt, dass sich die US-israelische Spannungspolitik, die der wahre Knackpunkt des sogenannten Nahostkonflikts ist, schon über 40 Jahre (der zionistische Anteil daran gar seit über 100 Jahren!) hinzieht und dabei Jahr um Jahr mehr auf eine (scheinbar) von langer Hand vorbereitete Eskalation zugeführt wird. Dies und nicht zuletzt die jedem gesunden Menschenverstand Hohn sprechende und jedem andersdenkenden Menschen kurzerhand jegliche Intelligenz absprechende zionistische Propaganda machen es notwendig, dass man so viel und fundierte Gegenöffentlichkeit wie möglich schafft.

Dieser Pflicht und Notwendigkeit fühlen wir uns verbunden … gerade weil wir Deutsche und uns der dunklen Schatten über unserer eigenen Geschichte umfassend bewusst sind … und möchten ihr u. a. auch durch die Veröffentlichung der folgenden Leseempfehlungen gerecht werden!

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Gideon Levy [Haaretz] … Eine Nacht in Hebron (01.07.10)

Zitat:

Die Narben sprechen für sich selbst: ein Brandfleck in der Mitte seiner Stirn, wie ein Kainsmal; zwei weitere Löcher auf seiner rechten Hand und eines auf seinem linken Arm. Die Kratzer in seinem Gesicht und  am Arm sind schon verheilt. Das ist es, was von jener Nacht blieb, als Soldaten sich entschlossen, mit Salah Rajabi, einem Schüler der 12. Klasse der Tareq-Schule in Hebron ein bisschen „Spaß“ zu haben […]

Zitat Ende.

Kommentar: Ebenso erschütternder wie entlarvender Bericht über Misshandlungen eines „palästinensischen Unruhestifter“ durch israelische IDF-Soldaten … auch wenn unsere lieben Freunde von der Israel-Schutz-Lobby bei einem solchen Bericht noch so sehr aufheulen mögen, die Masse derartiger Beweise für menschenverachtende und krankhaft arrogante Übergriffe nimmt langsam Dimensionen an, die man mit den althergebrachten Antisemitismus-Rundumschlägen und sonstigen Standard-Floskeln nicht mehr verschleiern und erst recht nicht verschwinden lassen kann. Es ist, wie es ist … und das schon zu lange, ohne dass den Verantwortlichen jemals empfindlich auf die Finger geklopft wurde.

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Izzy Lemberg [CNN] … Israelische Siedler revidieren altes Gebet für Obama-Netanyahu-Treffen (02.07.10)

Zitat:

Die Hauptdachorganisation der jüdischen Siedler in der Westbank, der Yesha-Rat der Gemeinden in Judäa und Samaria (= Ye Sha) fügte einem alten Gebet  umstrittene neue Sätze hinzu.

Dieses Gebet soll vor dem Treffen des Ministerpräsidenten Netanyahu mit Präsident Obama in Washington in den Synagogen verteilt werden […]

Zitat Ende.

Kommentar: Da es langsam bekannt sein sollte, dass die „Siedler“ in Israel schon seit langem die Politik im Griff haben – nicht zuletzt, weil ihre Projekte in enormem Umfang von den US-amerikanischen Zionistenorganisationen gefördert werden, kann es einen nicht wirklich erstaunen, mit welcher Chuzpe diese Leute argumentieren. Und selbstverständlich stützen sie sich zuvorderst auf dieselben „historisch überlieferten Wahrheiten“, die schon die Ur-Zionisten instrumentalisiert hatten, als es darum ging, die Staatsgründung Israels durch „geschicktes Verhandeln und Taktieren“ mit Großbritannien und den USA auf den Weg zu bringen … man sieht einmal mehr: es sind stets dieselben Propaganda-Winkelzüge und die wiederholt man mit einer arroganten Selbstverständlichkeit immer wieder, die wahrlich die ganz hohe Schule des nationalistischen Zionismus offenbart. – Kein Wunder also, dass Obama sich Netanjahu voller unterwürfiger Lobhudelei anbiedert?

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Tanja Kepler [AIC] … Israel zerstört weiter im Jordantal (04.07.10)

Zitat:

Zwölf Schuppen wurden am Donnerstag, den 1. Juli, im Dorf Khirbet ar Ras Al Ahmar im Landkreis Tubas demoliert. Die Schuppen wurden ursprünglich für die Tiere benützt und gehörten 12 Familien (72 Personen) im Dorf.  Fünf der Familien erhielten am 6. Juni Ausweisungsorder, als das israelische Militär 9 Familien im Jordantal Evakuierungsbefehle bekannt gab. Den Familien wurde die Order gegeben, sie sollten das Gebiet verlassen, die Unterkünfte und  die Tierställe mit den Haustieren innerhalb von 24 Stunden räumen. Die Familien wurden gewarnt, wenn sie der Militärorder nicht nachkämen, würden ihre Tiere konfisziert und  sie müssten auch die Unkosten für die Konfiszierung übernehmen […]

Zitat Ende.

Kommentar: Geradezu wie die Faust aufs Auge passt diese Meldung zum vorausgegangenen CNN-Artikel über die „ungeduldigen“ Siedler. Die israelische Armee arbeitet zwar im Auftrag der Regierung, aber ihre Schikane und der militärische Landraub erfolgen doch eher als Reaktion auf die Forderungen der Siedler und ihrer Geldgeber in Übersee. Mehr möchte ich hier und jetzt nicht dazu schreiben, aber dieses Thema wird uns noch lange genug verfolgen, so dass ich zu gegebener Zeit zwangsläufig darauf zurückkommen werde.

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Larry Derfner [Jerusalem Post] … Am Käfig rütteln: Israelis wollen keinen Frieden (01.07.10)

Zitat:

Bald nachdem ich vor 25 Jahren in dieses Land kam, erfuhr ich, dass unter meinen Verwandten eine wirkliche Araberhasserin war, “Tali”. Sie war die extremste Rechte in der Familie. „Für Tali war ein guter Araber ein toter Araber, nicht wahr?“ neckte sie einer meiner Cousins am Freitagabend. „Falsch,“ sagte sie, „für mich ist tot noch nicht genug. Er muss auch noch 40 Meter tief begraben sein.“ […]

[…] Seitdem ich dort lebe, gab es nur eine Zeit, in der die Einstellung der Israelis anders war, und sie die Araber nicht als unversöhnliche Tötungsmaschinen ansahen, und dass wir an diesem Konflikt nicht ganz unschuldig sind und dass wir ihnen eine Chance geben sollten. Diese Periode begann als Yitzhak Rabin im Juni 1992 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Sie endete im März 1996 als drei Selbstmordattentate in neun Tagen 60 Israelis töteten […]

Zitat Ende.

Kommentar: Im Großen und Ganzen kann ich diesen Artikel nicht kommentieren, da er mir schon sehr fundiert, dann aber auch ziemlich ambivalent vorkommt. Besonders gilt das für den zweiten Zitatauszug. Zur Erklärung möchte ich hier nur erwähnen, dass er hinsichtlich des Verlaufs und letztendlichen Zusammenbruchs der politischen Annäherung an Frieden unter der Ägide Rabins auf israelischer Seite, aus unerfindlichen Gründen zu erwähnen vergisst, dass Rabin diesen Friedenswillen teuer bezahlen musste … dass er am 4. November 1995 von dem (lt. Wikipedia!) jüdischen Fundamentalisten und Rechtsextremisten Jigal Amir ermordet wurde! Durch das Weglassen dieses auch für die palästinensische Seite alles andere als unerheblichen Faktors und gleichzeitige Betonung der Meinung, dass der Friedensprozess (sozusagen) ausschließlich an den Selbstmordattentaten scheiterte, die im März 1996 (vier Monate nach Rabins Ermordung durch einen jüdischen Friedensgegner!) 60 Israelis töteten, verliert der Artikel leider einiges an Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit. Trotzdem ist er – unter Beachtung dieses zu Recht erhobenen Einwands – durchaus lesenswert!

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Nadia Hijab [Counterpunch] … Eine bessere Blockade (05.07.10)

Zitat:

Nachdem sich Israels Sicherheitskabinett stundenlang eingeschlossen hatte, tauchte es schließlich auf, um eine Lockerung der Blockade des Gazastreifens zu verkündigen; es war ein Schritt, den die USA sofort gut hieß. Israel und die USA hoffen so, die Wut der Welt über die Kollektivstrafe über 1,5 Millionen dort lebende Palästinenser zu  entschärfen und  zukünftige Flottillen zu verhindern, die versuchen, die Belagerung zu durchbrechen.

Wird es ihnen gelingen? Man ist versucht, zu denken, die flagrante Illegalität, unbewaffnete Menschenrechtsaktivisten auf offener See anzugreifen, muss zu einem Ende der Blockade führen. Doch der palästinensische Analytiker Mouin Rabbani hat vor Optimismus gewarnt. Er stellte fest, dass nach dem Horror von Israels Angriff auf den Gazastreifen 2008/09 die Blockade nicht nur gehalten wurde, sondern noch enger gezogen wurde.

Doch Amerika und Israel kämpfen hier einen aussichtslosen Kampf mit ihren Bemühungen, eine freundlichere, angenehmere Blockade sich auszudenken – aus dem einfachen Grund, weil es so etwas nicht gibt. Aktivisten, die UN und die Menschenrechtsgemeinschaft sagen es lauter als sonst, dass die Blockade gegen das Gesetz sei – gegen das internationale Recht […]

Zitat Ende.

Kommentar: Ein sehr guter Artikel, der die richtigen Fragen stellt und zur notwendigen Faktenklärung beiträgt. Darüber hinaus ist es auch ein Beitrag von der Sorte, die einen immer wieder kopfschüttelnd und verzweifelt der Lügenpropaganda gegenüber stehen lässt, die mit unverminderter Hingabe nicht nur von den offiziellen staatlichen Stellen Israels und dessen „befreundeten“ Staaten der westlichen Wertegemeinschaft verbreitet wird, sondern auch von unzähligen prozionistischen Webpräsenzen. – Doch lesen Sie selbst und beachten Sie bitte auch das kurze „P.S.“ im Anschluss an die Übersetzung …

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Mario Vargas LlosaÜber Medienzensur im Nahostkonflikt – Interview mit Gideon Levy (02.06.10)

Zitat – Einleitung:

Ich traf Gideon Levy vor fünf Jahren in Hebron, wohin wir aus demselben Grund gingen: um gewisse arabische Familien ausfindig zu machen, die von israelischen Siedlern schikaniert wurden. Er ist ein sehr engagierter Journalist, der in seinen Artikeln, Reportagen und Kolumnen seine Ansichten – gewöhnlich kritisch gegenüber dem Establishment und der Regierung – klar, ehrlich mit Talent und Mut ausdrückt. Ich wollte, dass Gideon mir hilft, die  widersprüchlichste und faszinierendste „passion“ (? [Leidenschaft, Lust, Feuer?])  in der Welt zu verstehen – die israelische Gesellschaft […]

Zitat Ende.

Kommentar: Die Fragen und Antworten drehen sich um die zentralen Problemelemente des Nahostkonflikts, weshalb es empfehlenswert ist, sich einmal damit zu befassen und im Hinterkopf zu behalten, dass Herr Levy kein „Stänkerer“ ist, der sich aus dem Ausland kommend über Dinge äußert, die er nicht hautnah und tagtäglich miterlebt (so wie unsereins, wobei wir uns dafür aber auf seriöse und glaubwürdige Expertisen wie jene berufen, die Autor/innen aus dem Zentrum des Nahostkonflikts heraus anbieten!).

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