Amira Hass: Es geht nicht nur um Zement

Der Veröffentlichung unserer neuen Folge von Leseempfehlungen zum Themenschwerpunkt Israel/Palästina, die im Laufe des späteren Nachmittags geplant ist, möchten wir aus dem Paket, dass uns der Womblog an Übersetzungen von Ellen Rohlfs zugeschickt hat, den oben genannten Artikel herausziehen und separat veröffentlichen.

Amira Hass geht darin auf das gerne verdrängte, respektive seitens Israel ganz bewusst kaschierte Problem bezüglich der Gaza-Blockade ein. Sie fordert völlig zu Recht, dass sich sowohl die Aktivisten von „Free Gaza“ (die einen eher fragwürdigen Erfolg teuer erkauft haben) als auch die „empörten und zur Auflösung der Blockade  entschlossenen“ Politiker der Welt nicht nur eingehender damit befassen, sondern ihre Bemühungen auch vorrangig darauf konzentrieren sollten.

Wir bedanken uns an dieser Stelle erneut bei Frau Rohlfs für die Genehmigung, diesen Artikel auf unserem Blog zu veröffentlichen – und ebenso selbstverständlich bei dem Vermittler, unserem Freund Lopez.

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Es geht nicht nur um Zement

Die Flotilla – wie ihre Vorgänger und die noch folgenden – dienen dem israelischen Ziel, den  Trennungsprozess des Gazastreifens von der Westbank  vollständig zu machen

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Amira Hass, Haaretz, 09.06.10

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Was die fehlgeschlagene Flotilla – leider hauptsächlich durch ihre Toten – erreicht hat, ist, dass die Forderung, Israel möge seine Politik der Belagerung beenden, überall gehört worden ist. Die Regierung Israels war nicht bereit, auf das verzweifelte Flehen von John Ging, dem  UNRWA-Chef, zu hören. Nun muss sie beachten, was der französische Präsident Nikolas Sarkozy und der türkische Ministerpräsident Erdogan sagen. Aber ohne es zu wissen, dient diese Flotilla, genau wie ihre Vorgänger und die noch kommen werden, dem israelischen Ziel,  den Prozess der Trennung des Gazastreifens von der Westbank vollständig zu machen. Der Prozess – und es wird hier zum x-ten Mal gesagt – begann 1991 und nicht erst nach dem Aufstieg der Hamasherrschaft. Sein Ziel war, die Zwei-Staatenlösung zu vereiteln, die die Welt damals als Grundlage für alles verstand, was Gaza, die Westbank und  die Verbindung zwischen ihnen betraf.

Als das Segeln nach Gaza vor zwei Jahren begann, behauptete keiner der Initiatoren, es ginge um dieses oder jene notwendige Produkt. Israel versucht durch Zeichen und Wunder zu beweisen, dass im Gazastreifen nicht gehungert wird. Die Initiatoren haben tatsächlich an einen Hunger anderer Art gedacht: an den menschlichen Hunger nach einer direkten Verbindung zur Welt, nach Bewegungsfreiheit, nicht nur nach Waren und Gütern. Die Methode übers Meer wurde später geändert: man versuchte, den Gazastreifen über Land zu erreichen via Rafah, was Ägypten nicht gefiel, Israel aber freute.

Israel brachte die Absperrung zu grotesken und kleinlichen Proportionen, zog die Aufmerksamkeit durch Verbote (Nudeln und Kardamon) auf sich, die abgezählte Menge von Kalorien und das Hinauszögern von Zementlieferung selbst für eine Abwasseranlage. Israel verstärkte die Absperrung dahingehend, dass es den Bewohnern das Arbeiten, das Fabrizieren und das Geldverdienen verbot – mit dem einzigen Ziel, die Hamas zu stürzen. Aber es erreichte das Gegenteil. ihre Herrschaft wurde nur stärker und bewies ihren Einfallsreichtum, ihre Fähigkeit die interne Opposition zu unterdrücken und Unterstützung von internationalen Aktivisten zu veranlassen, die ideologisch selbst gegen die Methoden und Philosophie der Hamas sind. Die Belagerung stärkte die Hamas in solchem Ausmaß, dass palästinensische  Verschwörungstheoretiker überzeugt sind, dass dies Israels Absicht von Anfang an war.

Die meisten Israelis, die längst aufgegeben haben, wirkliche und wahre Informationen zu erhalten, können es kaum glauben, dass es Leute in der Welt gibt, die von der Existenz eines großen Gefängnisses geschockt sind, dessen Gefängniswärter der jüdische Staat ist. Aber diejenigen, die darüber erschrocken sind, sind Partner bei der Druck-Kampagne gegen Ägypten geworden, den Rafah-Übergang einseitig zu öffnen, als ob dieses der Besatzer sei und nicht Israel.

Und was dient besser dem Ziel, den Gazastreifen von der Westbank abzutrennen, als das Vergessen des versiegelten Erez-Übergangs zwischen Gaza und Israel und sich auf Rafah und Zement zu konzentrieren? Unabsichtlich konzentrieren die Veranstalter der Meer- und Medienblockade die Aufmerksamkeit auf Aspekte, die nicht das Wesentliche  der Absperrung des Gazastreifens sind. Und dieses Wesentliche ist die Verweigerung des Rechtes und die Vereitelung des Wunsches der Gazaer, ein aktiver, dauernder und natürlicher Teil der palästinensischen Gesellschaft zu sein.

Lange bevor Israel den Transport von Zement in den Gazastreifen verboten hatte, verbot es den Gazaern, in der Westbank zu studieren. Es erlaubt zwar immer noch, dass Guaven von Khan Yunis nach Jordanien exportiert werden, es verbietet aber Gazaern die Westbank über die Allenbybrücke zu betreten oder Verwandte und Freunde  zu besuchen. Nach und nach entwickelte Israel drakonische Einschränkungen der Bewegungsfreiheit für Palästinenser, bis es Gazaer in der Westbank jetzt und besonders in der Zukunft zu illegalen Fremden und Infiltranten erklärt. Dies sind die wesentlichen Verbote, die aufgehoben werden müssen. Dies sind die Verbote, über deren Existenz Erdogan und der US-Präsident Barack Obama aufgeklärt werden muss und die aufgehoben werden müssen.

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(dt. Ellen Rohlfs)

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