Chance auf Frieden in Afghanistan? Taliban bieten NATO Gespräche an

Wir übernehmen den folgenden Beitrag von Luftpost-KL (Übersetzung eines Artikel von Stephen Grey, Sunday Times), der uns per Mail angeboten wurde, da man auch kleine Hoffnungsschimmer unbedingt transportieren sollte. Was wirklich von dem Gesprächsangebot zu halten ist und was im weiteren Verlauf an konkreten Ergebnissen zu erwarten wäre, muss man dahinstehen lassen. Die USA (die Führungsmacht der NATO) ist historisch besehen nicht gerade bekannt dafür, geschlossene Verträge auch einzuhalten – aber gehen wir mal davon aus, dass dies den Taliban ebenfalls bewusst ist …

Was uns persönlich allerdings grundsätzlich schleierhaft ist, ist die Frage, wo die Taliban im Westen „glaubwürdige Politiker/innen“ zu finden hoffen?

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Die Taliban bieten der NATO ernsthafte Verhandlungen über eine Waffenruhe in Afghanistan und Friedensgespräche an.

Der höchste Talibanführer ist bereit, über Frieden zu reden

Von Stephen Grey in Kandahar, TIMES ONLINE, 18.04.10

(Übersetzung von Wolfgang Jung, Luftpost-KL)

Der höchste Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar, hat erklärt, dass er und seine Anhänger zu Friedensgesprächen mit westlichen Politikern bereit seien.

In einem Interview mit der SUNDAY TIMES  haben zwei angesehene islamische  Gelehrte der Taliban-Bewegung eine  Botschaft der Quetta Shura, des herrschenden Rates der Taliban,  übermittelt; daraus geht hervor, dass   Mullah Omar nicht mehr die Absicht hat,  über Afghanistan zu herrschen. Sie  erklärten, er sei zu „ernsthaften und ehrlichen“ Gesprächen bereit.

Ein höherer US-Militär sagte dazu, die Äußerungen ließen vermuten, dass ein „Durchbruch“ möglich sei. „Es gibt Hinweise aus vielen geheimdienstlichen Quellen, dass die Taliban zu einer Art Friedensprozess bereit sind,“ äußerte er.

Bei einem Treffen, das nachts auf von den Taliban kontrolliertem Territorium statt – fand, erklärten die führenden Taliban gegenüber der TIMES, dass ihre militärische Kampagne nur drei Ziele habe:  die Wiedereinführung der Scharia (des islamisches Rechts) den Abzug der Ausländer und die Wiederherstellung der Sicherheit.

„Mullah Omar ist nicht mehr daran interessiert, an der Politik oder der Regierung beteiligt zu werden,“ sagte Mullah „Abdul Rashid“, der ältere der beiden Gesprächspartner, der ein Pseudonym benutzte, um seine Identität zu verbergen.

Den Mudschaheddin geht es nur darum, die Ausländer, diese Eindringlinge, aus unserem Land zu vertreiben und dann der Verfassung unseres Staates wieder Geltung zu verschaffen. Die Verwaltung des Landes interessiert uns nicht, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind.“

Das Interview wurde von einem angesehenen afghanischen Journalisten, der für die SUNDAY TIMES arbeitet, mit zwei Mitgliedern der Shura geführt, die alle Taliban-Aktivitäten im ganzen südlichen Afghanistan, einschließlich der Provinzen Helmand und Kandahar, kontrolliert. Es kam durch einen gut vorbereiteten Kontakt mit der höchsten Führung der Taliban zustande.

In den fünf Jahren, in denen die Taliban Afghanistan regierten, bis sie nach den Anschlägen am 11. September 2001 von US-Truppen vertrieben wurden, habe sich ihre Bewegung zu sehr in die Politik eingemischt, erklärten die beiden Talibanführer in dem Gespräch.

Abdul Rashid sagte: „Wir waren nicht fähig, das Land zu regieren, und wurden von vielen  Entwicklungen überrascht. Wir hatten weder die Leute, noch die Erfahrung oder die technischen Voraussetzungen zum Regieren.“

Jetzt geht es uns nur noch darum, die Eindringlinge zu vertreiben. Wir werden die Politik der Zivilgesellschaft überlassen und uns in unsere Madrasas (religiösen Schulen) zurückziehen.“

Die Angebot der Taliban erfolgt zu einer Zeit, in der nach Aussage eines amerikanischen Offiziellen seine Kollegen in Washington darüber diskutieren, ob Präsident Barack Obama eine langjährige politische Einstellung der USA nicht aufgeben und direkte Gespräche zwischen den USA und den Taliban anstreben sollte.

Wenn die Übernahme der afghanischen Regierung nicht mehr zu den militärischen Zielen der Taliban gehöre, sei das „ein großes und wichtiges Zugeständnis“, äußer te der US-Offizielle.

Auch auf ihrer Website haben die Taliban nach Aussage von NATO-Offiziellen ihre Zielvorstellungen schon geändert; sie forderten jetzt nicht mehr den Sturz der „Marionettenregierung“, sondern die Einsetzung einer von dem afghanischen Volk gewünschten Regierung.

Im Interview bestanden die beiden Talibanführer darauf, dass Berichte von Kontakten zwischen den  Taliban und der Kabuler Regierung „erschwindelt“ gewesen seien und „von Scharlatanen“ verbreitet wurden. Bis jetzt habe es keine offiziell anerkannten Gespräche gegeben.

Sie stellten keine Vorbedingungen für ernsthafte Verhandlungen, sondern erklärten einfach, die  Taliban seien zu einem „ehrlichen Dialog“ bereit. Eine weitere Taliban-Quelle mit engen Verbindungen zur Quetta Shura bestätigte, dass die Taliban-Bewegung dazu bereit sei, direkt mit  „glaubwürdigen“ Politikern des Westens – auch mit Amerikanern – zu sprechen, aber nicht mit Geheimdiensten wie der CIA.

Nach dieser Quelle bleibt der Abzug aller ausländischen Truppen das erklärte Ziel der Taliban, als Vorbedingungen für Gespräche verlangten sie aber nur sicheres Geleit für ihre Delegation und eine von der NATO garantierte Waffenruhe.

Nach Auskunft einer NATO-Geheimdienstquelle haben Talibanvertreter direkte Kontakte zu mehreren Ministern der Regierung des Präsidenten Hamid Karzai aufgenommen. Sie lehnen aber jeden direkten Kontakt mit Karzai ab, den sie als „illegitime Marionette“ betrachten.

Während des Interviews, das mehrere Stunden dauerte und nur durch die Ankunft und das Wegfahren von Boten auf Motorrädern unterbrochen wurde, hörte unser Reporter von den Talibanführern nichts über eine  von einigen westlichen Analysten behauptete Kriegsmüdigkeit der Taliban.

Stattdessen wurde ihm gesagt, dass die Taliban an ihren Sieg glauben und aus einer Position der Stärke verhandeln wollen. Als er nach der bevorstehenden NATO-Offensive in der Region Kandahar gefragt wurde, prahlte ein örtlicher Talibankommandeur, der neben den beiden Gelehrten saß: „Wir sind darauf vorbereitet. Wir werden den Amerikanern die Zähne einschlagen.“

Die Talibanführer sagten, sie hätten aus der letzten großen Offensive der NATO, die vor kurzem bei Marjah in der Provinz Helmand stattgefunden hat, ihre Lehren gezogen. Die vorzeitige Ankündigung der  NATO-Operation habe zu viele Taliban-Kämpfer angelockt, von denen einige umgekommen seien.

Die Talibanführer erklärten, der Plan zu Abwehr der NATO-Offensive bei Kandahar sei schon fertig.

„Sie werden uns dort nicht überraschen können,“ sagte Abdul Rashid. „Wir haben unsere Leute schon überall postiert, in der Stadt, in der Regierung und bei den Sicherheitskräften.“

Er fügte hinzu, die USA hätten sich ohnehin schon zu viele Feinde gemacht und durch Kämpfe in Kandahar würden sie nur noch mehr Menschen gegen sich aufbringen.

Die Menschen vertrauen den Ausländern nicht mehr, weil sie die Warlords unterstützen. Die Leute haben deren Verbrechen und deren Brutalität satt, und das ist ein großes Problem für die Amerikaner. Wir sind gut positioniert und werden überall unterstützt.“

Bei den Vorbereitungen auf die traditionellen Kämpfe im Sommer legen die Talibanführer genau so viel Wert wie die NATO darauf, die Herzen und Hirne der Bewohner zu gewinnen.

Abdul Rashid sagte, es habe Talibankommandeure gegeben, die ihre Kampagnen mit Bestechungsgeldern  finanziert hätten, die sie für das ungehinderte Passieren von Nachschubkonvois der NATO oder von Rauschgift-Schmugglern kassiert hätten. Die Taliban- Führung habe diese Praxis aber abgestellt.

„Wir kämpfen nicht um weltliche Güter – wir streiten für Allah. Noch wichtiger als das Kämpfen ist uns der Prozess der Reinigung. Wir werden uns von den faulen Äpfeln trennen,“ fügte er hinzu.

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