Gastbeitrag Hans Fricke zu Mythenbildung und gehobenem Frondienst

Wenn man sich mit Mythen befassen möchte, die dazu dienen, Machthierarchien aufzubauen und/oder zu bewahren, muss man weder in die Ferne schweifen, noch auf Verschwörungstheorien ausweichen.

Eine nette Sammlung solcher Mythen gibt es auch in der Bundesrepublik – und zwar vermehrt seit dem – das nenne ich jetzt mal so – verlogenen Possenstück namens „Wiedervereinigung“. Dazu könnten wir jetzt auch noch die eine oder andere Szene / Episode beitragen, mittlerweile sind schließlich schon genügend Lügen und zumindest fragwürdige Vorgänge rund um diesen Betrug an der deutschen (Gesamt-) Bevölkerung aufgeflogen. Aber zum einen haben wir das schon hin und wieder getan und zum anderen sollte es auch vollkommen genügen, was Herr Fricke in seiner Zusammenfassung aus aktuellem Anlass schreibt und treffend richtig stellt.

Kurzer Vorabkommentar aus gegebenem Anlass:

Trotzdem – wenn auch nur am Rande, da wir dies dem Autor absolut nicht unterstellen, sondern nur als allgemeinen Hinweis an alle Menschen in unserem Land verstanden wissen möchten – sollte wieder einmal erwähnt werden, dass es der Sache – gemeint ist jetzt Aufklärung und Generierung von solidarischem Widerstand gegen Kapital- und Staatswillkür – nicht wirklich förderlich ist, wenn man einseitig auf die ursprünglichen Machenschaften hinweist. So berechtigt und korrekt das auch immer sein mag, damit wird leider komplett ausblendet, dass wir – ehemalige „Ossis und Wessis“ – schon seit geraumer Zeit in ein und demselben Boot sitzen. Letztlich sind dieselben Politiker, Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister und sonstigen elitären Ausbeuter und Schmarotzer des Systems, welche die Wirtschaft der ehemaligen DDR ausgeschlachtet und unsere Mitbürger/innen dort mit allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen haben, auch für das gesamte Dilemma verantwortlich, unter dem wir „hüben wie drüben“ zu leiden haben … oder? Nun ja, es mag im Moment noch regionale Unterschiede geben, aber warten Sie nur mal ab, bis die Wahl in NRW vorbei ist, dann wird schon dafür gesorgt werden, dass gleiches Unrecht für alle gelten wird! – Je mehr das Volk bis dahin gespalten und gegeneinander aufgebracht werden kann, desto einfacher werden es die Politmarionetten haben … aber damit zu Herrn Frickes wirklich empfehlenswerten Kommentar.

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„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe“

Kommentar von Hans Fricke

Sie ist sich treu geblieben, die Ex-Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl (CDU). Sie hat tatsächlich die Stirn, anlässlich des 20. Jahrestages der „ersten freien und demokratischen Wahlen“ in der DDR (Kohl)  – für Prof. Egon Bahr (SPD) waren es die „schmutzigsten Wahlen, die ich je in meinem Leben beobachtet habe“  –  im RBB-Inforadio von sich zu geben:

„Ich beobachte oft eine Frustration wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der vielen Lebensbrüche. Aber man muss den Menschen  erklären, dass dies nicht die Folgen der Wiedervereinigung sind, sondern die Folgen der desaströsen Wirtschaftslage in der DDR.“

Ausgerechnet sie, die einer im Ergebnis so schmutziger Wahlen zustande gekommenen Volkskammer vorsitzen durfte, betet gehorsam diese in der CDU-Zentrale geborene Legende nach. Einer Volkskammer, von der politisch wachsame Zeitzeugen wissen, dass wahltaktische Plänkeleien, undurchsichtige Geheimniskrämerei, Neid wegen Posten und Diäten, Überbetonung von Parteiinteressen bei Ignoranz von Sachkompetenz bei vielen Abgeordneten eine größere Rolle gespielt hatten als die Vertretung der Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler.

Ehemalige Abgeordnete dieser „Volksvertretung“ gaben zu, dass ihnen die Flut der von ihnen auf Bonner Geheiß zu beschließenden Gesetzesvorlagen keine Zeit ließen, sich vor den Abstimmungen gewissenhaft mit ihrem Inhalt zu beschäftigen, dass deshalb vieles nur noch „durchgewinkt“ wurde und dass ihnen auch für das gründliche Studium des  umfangreichen „Einigungsvertrages“ und seiner vielen Anlagen die Zeit  fehlte. Eine Arbeitsweise, die durchaus das Kalkül der Bonner Autoren gewesen sein kann, denn was man aus Zeitnot nicht liest das kann man auch nicht beanstanden oder gar ablehnen.

Die Folge des „segensreichen“ Wirkens der unter Frau Bergmann-Pohl tagenden Volkskammer ist ein beschlossener „Einigungsvertrag“, der in Grundelementen kolonialistisch formuliert und deshalb mit den Lebensinteressen, der Würde und dem Selbstwertgefühl von 16 Millionen ehemaligen DDR-Bürgern unvereinbar ist. Er ist kein Dokument gleichberechtigter Vereinigung, sondern ein Dokument einseitiger Vereinnahmung und damit ungleicher Rechte.

Die Behauptung, dass die DDR schon vor ihrem Anschluss an die BRD pleite war, gehört zu den von der Bundesregierung immer wieder gebrauchten Lügen, wogegen sie die amtliche Schlussbilanz der Bundesbank von 1999, welche die Zahlungsfähigkeit der DDR bis zuletzt bestätigte, wohlweißlich öffentlich nicht erwähnt. Sie braucht diese Lüge, um von ihrer eigenen Verantwortung für die brutale Zerschlagung der DDR-Volkswirtschaft, für die Beseitigung von Konkurrenz  westdeutscher Monopole und für die schamlose Inbesitznahme von Filetstücken für ’nen  Appel und ’nen Ei durch das bundesdeutsche Kapital abzulenken. Der regierungsamtlich verordnete Mythos über den ökonomischen Bankrott der DDR wird uns weiter begleiten, auch wenn kompetente Wissenschaftler und Politiker das Gegenteil nachweisen und das Ausland diese These nie so recht akzeptiert hat.

Dass Frau  Bergmann-Pohl für ihre „Dienste“ im Auftrag der CDU mit dem Posten einer Staatssekretärin belohnt wurde – Insider meinten damals, sie wisse in Bonner Boutiquen besser Bescheid als in ihrem Ressort  –  und noch immer gehorsam  das Lied ihrer Auftraggeber singt, charakterisiert den Wert Ihrer Dummschwätzerei. Viel wichtiger sind dagegen Meinungen kompetenter  Zeitzeugen wie beispielsweise der bekannte Dramatiker Rolf Hochhuth, der in seinem Stück „Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land“ das in Ostdeutschland Geschehene als „Variante des Kolonialismus“ bezeichnet, das „nirgendwo gegen Menschen des Kontinents, geschweige denn des eigenen Volkes, je praktiziert wurde“.

Der frühere Erste Bürgermeister Hamburgs, Henning Voscherau, meinte 1996:

„In Wahrheit waren fünf Jahre Aufbau Ost das größte Bereicherungsprogramm für Westdeutschland, das es je gegeben hat.“

Und der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Pastor Heinrich Albertz erklärte aus Anlass der Währungsreform, dass ein Einmarsch ehrlicher gewesen wäre, als das, was jetzt geschehe.

Hans Fricke, Rostock

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Hans Fricke ist Autor des im August 2008 im Berliner Verlag am Park erschienenen Buches „Politische Justiz, Sozialabbau, Sicherheitswahn und Krieg“, 383 Seiten, Preis 19,90 Euro

ISBN 978-3-897-155-8.

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10 Antworten

  1. Man verzeihe mir, aber:

    „Ich kann garnicht so viel essen wie ich Kotzen will!“

  2. leider alles wahr, aber die siegerpropaganda oder allgemeine volksverblödung hat so massiv gewirkt, daß (fast)niemand glaubt, daß es so war.

  3. @landbewohner

    ist wohl von beiden etwas … dazu kommt natürlich auch noch der mangelnde Wille, sich mit diesem und anderen mit der „historischen Leistung von Kohl & Konsorten“ verbundenen Fakten ernsthaft auseinanderzusetzen. Ich kenne einige Leute, die weder von der Propaganda beeinflusst, noch sonstwie verblödet sind und dieses Thema dennoch weitestgehend komplett ausblenden. Meistens dann auch noch mit Argumenten wie … „das ist jetzt gelaufen und muss so hingenommen werden“ … aber darüber möchte ich mich momentan eher nicht weiter auslassen.

    Jedenfalls danke für den Kommentar.

    MfG
    HDZ

  4. @Michael

    es sei Dir verziehen … und man reiche sich die Hände!

  5. An alle,

    da fällt mir nur die „blühende Landschaft in zehn Jahren“ von Helmut Kohl ein. Er und die beteiligten Volksparteien, sind für mich die größten Volksverräter aller Zeiten. Wenn ich daran denke, kocht bei mir die Wut hoch. Die Wiedervereinigung war der Zeitpunkt, wo ich zum erstenmal wählen durfte. Ich habs nie verstanden, wie man diesem Lügner glauben konnte. Auch das Zerstückeln und verscherbeln der Ost-Deutschen Firmen durch die tolle Treuhand hab ich damals genau beobachtet. Und dann wurden diese Verräter, ein zweitesmal gewählt.
    Ich und mein damaliger Freund haben dann draußen Bilder aufgehängt, mit Helmut Kohl als Kasper und ich glaube Hinze hieß er, als Seppel. War meine erste Aktion. Danach habe ich mich von der Politik ausgeklingt, weil ich immer getobt habe und dies meine Beziehung belastete. Na ja, hat auf jeden Fall, mein Denken von Manipulation freigehalten.

    Jetzt wirklich gute Nacht

    Petra

  6. Ja. Petra, diesen Hyper-Wahlbetrug-Spruch des Rekord- und Einheitskanzlers habe ich auch nie vergessen, aber damals war ich – politisch betrachtet (was offenkundig auch am nicht ganz unerheblichen Altersunterschied liegt) schon ein paar Jahre wach und bereits ein „absoluter Fan“ von diesem Herrn und seiner schwarz-gelben Räuberbande. Doch mittlerweile sollten die Leute, auch wenn sie nicht explizit danach suchen, wirklich genug über die damaligen Machenschaften wissen …

    Ob dem so ist oder nicht, der Beitrag sollte sie mit der Nase draufstoßen, doch warum ich trotzdem nicht glaube, dass sich die Mehrheit der Menschen (ob in den „neuen“ oder „alten“ Bundesländern scheint mir leider unerheblich zu sein) davon wenigstens politisch aufwecken lassen wird, ist ja hinlänglich bekannt. Deshalb kann ich mir weitere Ausführungen sparen und nun auch endlich ins Bett fallen.

    Da ich für einen „Gute-Nacht-Gruß“ nun wahrscheinlich „ein wenig“ zu spät komme, wiederhole ich einfach meine Wünsche fürs Wochenende

    Schöne Grüße … wie gehabt
    Hans.

  7. Was habt Ihr denn alle? (Ironie an …) Kohl hat doch „Wort gehalten“ … er versprach blühende Landschaften … und die gibt es jetzt doch … (Ironie aus) Nur dumm, dass es da grünt und blüht, wo zuvor die Fabriken und Firmen gestanden haben und unsere „Ost-Deutschen“-Mitbürger ihre Arbeitsplätze und so ihr Einkommen hatten – bevor die „West-Deutschen“ Heuschrecken sich dieser „angenommen“ haben. Ich muss Michael recht geben: man kann nicht soviel essen – wie man … na Ihr wisst schon …

    Wenn ich oft höre oder lese, dass die „Ossis“ am Niedergang der BRD „schuld“ wären, geht es mir genau so. Ich denke, dass der Osten unseres Landes mehr verloren hat, mit der angeblichen „Wiedervereinigung“. Damit meine ich nicht nur die Arbeitsplätze. Nein – sie haben auch das „Miteinander“ verloren … die Zusammengehörigkeit. Sie wurden genau so auseinander gerissen wie wir. Nur dass es bei „uns“ im Westen schleichender vor sich ging, über viele Jahre, so dass wir das selber gar nicht bemerkt haben.

    Wenn wir eine Chance haben wollen, den uns bevorstehenden Kampf zu gewinnen, müssen wir alle wieder zueinander finden. Auch wenn wir über viele Jahrzehnte gezwungen wurden uns als zwei verschiedene Völker zu sehen – wir waren und sind ein Volk! Gemeinsam für Einigkeit und Recht und Freiheit – für unser aller deutsches Vaterland …

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende @ all,

    Elke J.

  8. Ja. Ich würde sagen, ein gelungener geschichtlicher Tatsachenbericht. Mir kommt es beim lesen vor, als wäre das alles gestern gewesen. Wahlkampf mit 100DM genannt Begrüssungsgeld. Darauf muss man erstmal kommen. Dann war es auch nur logisch das WBerlin beinahe überschwemmt wurde. Ich jedenfallst hatte verständnis dafür. Wenn ich auf der anderen Seite gelebt hätte und mir hätte einer 100DM versprochen, wäre ich auch rübergerannt um sie zu holen. Aber das dann mit einer Arroganz die ihresgleichen sucht der sog Osten platt gemacht wurde, ist die negative Krönung der deutschen Geschichte. Ein Kumpel von mir und ich sind damals rüber und haben erstmal Ostberlin erkundet. War garnicht so einfach, wenn man sich dann auch noch öfter verläuft.
    Na jedenfalls sind wir auch durch die Kneipen gezogen. Der kannte ja durch seine Bekannten drüben ja so einige. Jedenfalls war das schon eine Schande wenn man die „Wessis“ da gesehen hatte, wie die sich benommen haben. Als wären die „Ossis“ die letzten Heuler. Nur gut das man uns nicht gleich angesehen hat, das wir aus Wberlin waren. Ich hatte dann einige erstmal aufgeklärt das wir keine Wessis waren sondern WBerliner. Wir nannten damals die Westdeutschen „Wessis“. Also aus anderen Gründen.
    Der Artikel hat mir wieder alle Erinnerungen an die damalige Zeit zurückgebracht. Obwohl, so ein Beschiss am ganzen Volk und insbesondere an die Menschen von „drüben“, kann man einfach nicht vergessen. Schon garnicht, wenn man selbst dabei war.

    Schönes Wochenende noch

    Jan

  9. Jo, Josephine und Elke😉 das ist wohl so, aber das Thema mit der Schaf-, Schlaf- und Nicht-sehen-wollen-Mentalität unserer Mitmenschen ist leider – um es mit Einstein zu sagen – so unendlich wie das Universum … wobei man beim Universum wenigstens Zweifel anmelden kann.

    Ansonsten pflichte ich Dir uneingeschränkt bei … auch wenn mich das in Verbindung mit Deinem letzten Satz für meine geschätzten Kritiker sicherlich wieder als in der „rechten Ecke stehend“ erscheinen lassen wird. Ich frage mich allerdings nicht nur deswegen, warum es uns – 65 Jahre nach Kriegsende – als einzigem Volk immer noch untersagt sein soll, auch seine nationalen Belange souverän selbst regeln zu dürfen? Etwa nur deshalb, weil gewisse Kreise das nicht wollen und unsere Politiker (unterstützt durch Medien und „anständige Bürger/innen) zur Verhinderung des Eintretens eines derartigen Zustands im wahrsten Sinne jede noch so miese Machenschaft in Kauf nehmen?

    Nun ja, sei’s drum … ob es diesen oder jenen Pseudodemokraten und/oder Pseudomoralisten nun passt oder nicht, ich werde auch weiterhin nach dem Motto leben, dass wahr bleiben muss, was nun einmal wahr ist … mehr oder weniger und natürlich rein subjektiv betrachtet🙂

    LG vom Hans

  10. @ Jan

    Einfach nur Zustimmung und danke für den Erfahrungsbericht … obwohl ich aus jeder Perspektive besehen ein „waschechter Wessi“ bin😉

    Auch noch ein schönes Wochenende und die besten Grüße nach BLN
    Hans

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