Sammelwut

Wie bringt man Menschen bei, regelmäßig Geld für irgend einen Unsinn auszugeben, den man gar nicht braucht? Doch am besten, wenn man ganz früh damit anfängt, oder?

Als ich noch ganz klein war, da gab es schon die verschiedensten Sammelobjekte. Heute habe ich noch eine kleine Kiste, in denen ich meine gesammelten unifarbenen Asterix und Obelix Figuren aus Kunststoff aufbewahre. Warum ich gerade die noch habe? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil sie dort wo sie stehen einfach vergessen wurden. Früher waren diese Figürchen immer zusammen mit einem Kaugummi verpackt gewesen. Von dem hatte man natürlich nicht allzu lange etwas. Aber mit den Figuren konnte man spielen, sie mit anderen Kindern tauschen und dem Kinderportemonnaie entsprechend waren sie mit – 20 Pfennig glaube waren es damals – auch nicht sehr teuer.

Hatte man die eine Weile gesammelt, dann stieß man aber auch schnell wieder auf etwas anderes was zum Sammeln reizte. Man hörte davon aus der Werbung, erfuhr es von anderen Kindern oder wurde irgendwie in einem Geschäft darauf aufmerksam gemacht. Die Mutter kaufte so etwas den Kindern auch gerne oder gab uns sogar extra Geld dafür. Denn dann hatten wir etwas, womit wir uns beschäftigen konnten. Zum Teil waren auch schon mal ausgestanzte Objekte aus Papier dabei, die man ausschneiden und zusammenbauen konnte. Darunter gab es Automobile, Schiffe und sogar Figuren, die zum Ausmalen animierten und die man durch umknicken des Papierfußes hinstellen konnte. Jetzt sagt bestimmt jemand, das sei zur kreativen Entwicklung eines Kindes doch sehr sinnvoll. Kann durchaus sein, aber ich glaube nicht, dass Entwicklungspsychologen oder Pädagogen etwas mit der Fabrikation dieser Gegenstände und Materialien zu tun haben. Die Wirtschaft ist wie wir alle wissen, nur an einem interessiert – an Geld. Und man macht sich heute, um an das Geld anderer Leute zu kommen, gerne auch wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Psychologie zu Nutze.

Sammelt man als Kind etwas Bestimmtes, dann hat man auch als Erwachsener immer noch Lust auf so etwas. Egal was es ist. Gut, ich möchte hier nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Aber es gibt bestimmt sehr viele unter uns, denen von früh an dieses Verhaltensschema antrainiert wurde und diese führen es dann als Erwachsender weiter fort, ohne dass es ihnen unbedingt selbst bewusst sein muss. Es gibt Fälle, da kaufen Frauen 100 Paar Schuhe. Braucht ein Mensch so viele Schuhe auf einmal? Oder kürzlich gab es an Shell Tankstellen diese Ferrari-Miniaturautomobile. Ich habe einen Bekannten, der hat sich die ganze Reihe davon gekauft. Denn wenn man ein Stück der Reihe hat, dann will man auch alle anderen dieser Reihe haben. In Bezug darauf passt vielleicht auch der Spruch, das Kind im Manne. Wenn ich aber jetzt an die 100 Paar Schuhe denke, dann trifft das genau so auf die Frauen zu. Ich denke, Sie stimmen mir da doch zu.

Auch in den Geschäften wird die Sammelleidenschaft der Menschen dann sehr raffiniert ausgenutzt. In einem großen Elektronikkonzern in der Tonträgerabteilung z.B. liest man in den Fächern, wo die CD’s schön hintereinander aufgereiht stehen, den verlockenden und zum Kaufen animierenden Spruch: „Fehlt was?
Jemand denkt jetzt vielleicht, das steht da so, falls etwas fehlt soll man den Verkäufer fragen. Wäre das nicht viel zu weit gedacht? Ich glaube es soll eher die Sammelleidenschaft des Verbrauchers, sein seit seiner Kindheit trainiertes Ich in bezug auf irgendwelche Objekte ansprechen. Wenn dazu noch jemand gerne Musik hört, dann wird er nicht lange überlegen und wenn er das nötige Kleingeld hat, auch nur zu gerne zugreifen. Denn wer in diese Regale schaut, der will wahrscheinlich auch seine CD-Sammlung mit einem Objekt seiner Begierde vervollständigen. Da steckt also schon Psychologie dahinter, aber doch wohl nicht unbedingt sehr zum Nutzen für den opferbereiten Menschen, sondern doch wohl eher für den Verkäufer.
Zuhause hört der so raffiniert Verführte dann seine CD an. Vielleicht auch mehrmals in kurzer Zeit. Aber schließlich wird sie zu den anderen in der prachtvollen Sammlung gestellt und dann verstaubt sie. Denn man kann mit der Zeit gar nicht mehr alle CD’s anhören, die sich so ein Sammelwütiger angeschafft hat.
Die Frau mit den 100 Paar Schuhen geht es nicht viel besser. Wenn der Reiz des Neuen weg ist, zieht dieses Opfer der Konsumindustrie, so möchte ich es gerne nennen, wieder los, um sich ihre anerzogene Befriedigung zu holen. Der Verkäufer reibt sich schon die Hände, wenn sein Opfer in der Tür des Geschäfts erscheint.

Wenn es soweit ist, dann kann diese Sammelleidenschaft auch schnell zur Sucht werden. Man gibt immer mehr und mehr Geld dafür aus. Also genau genommen für Sachen, die man gar nicht benötigt. Das Geld für die Schuhe ist aber kein hinausgeworfenes Geld, kommt jetzt sicher der Einspruch. Aber seien Sie mal ehrlich, 100 Paar Schuhe sind doch reichlich übertrieben. Und dabei bleibt es ja dann oft auch nicht. Dazu kommen dann noch 100 Handtaschen, 100 Blusen, 100 Röcke usw.
Jetzt machen viele sicher bei meinen Beispielen noch den Unterschied zwischen nützlichen Gebrauchsobjekten (Schuhen) und weniger nützlichen (CD’s) und den ganz unwichtigen (Miniaturautomobile). Das ist auch nicht so verkehrt und trotzdem läuft es doch alles auf dasselbe hinaus – Sammelwut.

Die sogenannten Messies sammeln wirklich jeden Schrott und können sich von nichts lösen. So sehen deren Wohnungen ja dann auch aus. Hier finden wir nun das Extrem. Jemand sammelt vielleicht alte Wegwerfpapierbecher. Weil, die könnte man ja noch einmal brauchen. So wird die antrainierte Sammelleidenschaft zu einer besonderen Krankheit der modernen Zeit. Oder haben Sie schon jemals davon etwas in einem Geschichtsbuch gelesen, dass ein berühmter Zeitgenosse unentwegt nutzloses und vor allem wertloses Zeug gesammelt hätte?
Es muss sich also um eine Erkrankung der Psyche aus der Jetztzeit handeln. Wer mehr weiß und meine Vermutung widerlegen kann, den bitte ich sich zu melden.
Diejenigen, die vom Verkauf leben, für die sind Messies bestimmt ein Grund zur Besorgnis. Denn es sind ja Menschen, die Schrott und alte Gegenstände mehr lieben, als sich etwas Neues zu kaufen. Aber zum Glück gibt es von dieser Personengruppe nicht so viele.

Dafür lässt sich aus der sammelwütigen Bevölkerungsmasse schon einiges an Kapital herausholen. Nicht selten animieren ja auch die Kinder die Erwachsenen zum Kauf der ihrer Sammelleidenschaft zum Opfer gefallenen Objekte. Die allseits bekannten Überraschungs-Eier sind dafür ein hervorragendes Beispiel. Und wer die einmal anfängt zu sammeln, der braucht auch nie wieder aufzuhören. Denn weil Kleinvieh auch Mist macht, hat sich darum zum Stillen der Sammelwut der Kleinen und der Großen ein ganzer Industriezweig gebildet. Das ist der Erfolg der Erziehung zur Sammelleidenschaft in seiner Vollendung. Das Überraschungs-Ei macht eben Spaß, denn man weiß ja nie was drin ist. Die Neugier, eine besondere Eigenschaft des Menschen wird hier ungehemmt ausgenutzt, nur um an das Geld der Konsumopfer zu kommen.

Bis jetzt handelte es sich immer um Klein- und Kleinstbeträge, die man der Masse an Opfern auf psychologisch raffinierte Weise abzuluchsen versucht. Bei den Reichen muss man noch etwas anders vorgehen. Wer kauft sich schon Tausende von Überraschungs-Eiern. Irgendwann macht es dann doch keinen Spaß mehr. Und den billigen Kram, worum sich die Masse schlägt, den will man als Gutbetuchter auch gar nicht haben. Aber auch die Reichen werden Opfer ihrer Sammelleidenschaft. Man muss dann nur den Preis hoch genug ansetzen und das Objekt der Sammelbegierde als etwas ganz besonders ausschreiben. Dann ist so ein Sammelwütiger auch gerne bereit, finanziell dafür in die Vollen zu greifen.

„74 Millionen Euro für ein Kunstwerk
Eine Plastik des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti hat den Weltrekord für ein Kunstwerk bei einer Auktion gebrochen: Die lebensgroße Bronzeplastik eines schreitenden Mannes erzielte bei einer Versteigerung bei Sotheby’s in London einen Preis von 65 Millionen Pfund. Das sind umgerechnet rund 74 Millionen Euro.“

Na, wenn man es hat, dann macht das Sammeln von teueren Objekten, die niemand braucht, dennoch viel Spaß. Hätte der Käufer aber nicht mit den 74 Millionen Euro besser lachende Gesichter von hungernden Kindern gesammelt? Die hätten ihm das bestimmt auf ewig gedankt. Von der Bronzeplastik „Schreitender Mann“ bekommt der Käufer hingegen noch nicht einmal einen feuchten Händedruck. Aber ein lebloser Gegenstand ist ja mehr wert, als sich um das Leiden auf dieser Welt zu kümmern. Ich finde, diese Welt ist für und wegen ihrer Verhältnisse ganz schön arm.

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