Afghanistan – (Düsen-)Jäger, (Bomben-)Sammler und kaputte Krieger

Was besagt die afghanische Relativitätstheorie? Fragt man jemand von der Bundeswehr, so sagt derjenige bestimmt: Das es dort relativ sicher ist. Denn man hält den (Front-)Einsatz dort für wichtig. Fragt man einen deutschen Politiker, so sagt der bestimmt: Das es dort relativ unsicher ist. Denn man braucht schließlich einen Grund, um weitere deutsche Soldaten dorthin zu senden. Fragt man einen afghanischen Bauern, so sagt der bestimmt: Bei uns im Land ist relativ viel Sand. Fragt man einen Taliban, dann sagt der bestimmt: Auf der ganzen Welt so berühmt zu sein, ohne mich dabei jemals von der Stelle bewegt zu haben, das ist schon ein tolles Gefühl. – Es ist eben alles relativ.

Erinnern Sie sich noch an die Fernsehbilder von den ersten etwas verlegen schauenden, in Afghanistan stationierten jungen Soldaten, deren Gesichtsausdruck mir und auch Ihnen vielleicht verkündete: „Ich weiß gar nicht so richtig, was ich hier soll?“ Danach sahen die Jungs jedenfalls aus, als sie sich für den Empfang des früheren Verteidigungsministers auf ihrem dortigen Stützpunkt in einer Reihe aufstellen mussten. „Was soll ich hier?“ Das haben sich bestimmt schon viele Soldaten verschiedener Nationalitäten vor ihnen gefragt. Viele deutsche Bundesbürger fragen sich das auch, was ihre Jungs da verloren haben. Plausibel vermochte das bisher auch niemand zu erklären. Zuerst hieß es, die Taliban bedrohen Deutschland mit Bombenanschlägen. Weil aber bis heute nichts dergleichen geschehen ist, musste die Erklärungsstrategie geändert werden. Ab da mussten die Afghanen vor den Taliban beschützt werden. Dabei passierte aber ein Malheur, auf das ich gleich noch zu sprechen komme. Dieser Erklärungsversuch ging also auch in die Hose. Jetzt geht man dazu über, die deutschen Soldaten als Ausbilder für afghanische Polizisten einzusetzen. Was man so alles bei der Bundeswehr lernt, hätte ich gar nicht vermutet. Ganz neu will man jetzt 850 weitere Soldaten bereitstellen und zum größten Teil dorthin schicken, wahrscheinlich um mit den von den Deutschen ausgebildeten afghanischen Polizisten Streife zu gehen. Mensch, können die Afghanen denn überhaupt nichts alleine?

Doch eins können die Afghanen sehr gut: Opferbereitschaft zeigen. Sie opfern ihr Land dem militärischen Durchgangsverkehr anderer Nationen. Manche opfern sogar ihr Leben, damit die Menschen in anderen Ländern etwas haben, worüber diese sich in ihrem langweiligen Leben etwas aufregen können. So kann dann auch im langweiligen Deutschland ein kleiner Unfall mit zwei Tanklastzügen und ein paar zivilen Toten so breitgetreten werden, dass man monatelang davon zehren kann. Collateral Damage nennt man so etwas in der Militärsprache, wenn es passiert. Shit happens sagte dazu bestimmt der ehemalige Verteidigungsminister, dessen Name ich hier bewusst auslasse, und er wollte damit die Sache bestimmt relativieren. Doch damit hatte er sich verzettelt. Denn der Collateral Damage reichte bis unter seinen Ministerstuhl. Aber wahrscheinlich saß er gerade auf der Toilette, als die Nachricht vom Massenmord der Bundeswehr an afghanischen Zivilisten ihn erreichte. Ich meine jetzt wegen der von ihm geäußerten Stellungnahme dazu, die ich ihm frecher Weise in den Mund legte. Was dann folgte, wissen wir ja alle. Afghanistan ist so ein gefährliches Land, das bricht sogar Verteidigungsministern das Genick, die überhaupt nicht vor Ort sind. Mit gebrochenem Genick, aber mit reinem Gewissen, übernahm dann der Ex-Verteidigungsminister die weit weniger gefährliche Heimatfront Deutschlands – die Arbeitslosen – und wollte denen vermutlich das Strammstehen beibringen. Diese Therapie der deutschen Bevölkerung nach dem Kunduz Trauma, scheiterte dann jedoch an weiteren Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem kleinen Unfall, in dem weit entfernten Sandstaat mit den hübschen Mohnfeldern. Trotz aller Versuche waren und sind die 137 toten afghanischen Zivilisten einfach nicht aus der Welt zu schaffen. So ein Pech aber auch. Seitdem hat man den Ex-Verteidigungsminister in der Öffentlichkeit auch nicht mehr gesehen. Er ist einfach verschwunden.
Genauso ist auch das Problem mit den vielen traumatisierten deutschen Soldaten aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden, von dem am Anfang des Afghanistan Einsatzes, in dem vom Krieg zerfressenen Land zuerst so viel die Rede war. Es jeden Tag erleben zu müssen, als junger Mensch in Uniform, der an die deutsche Spaßgesellschaft gewöhnt ist, dem Tod ins Auge zu blicken, kann schon ein wenig an den Nerven zerren. Aber entweder hat die Bundeswehr hervorragende Psychologen, von denen die Soldaten wieder zurechtgebogen werden konnten oder die Deklarierung des Afghanistan Einsatzes als Kriegseinsatz durch den neuen Verteidigungsminister, hat den Konflikt im Kopf der Soldaten gelöst: Denn ab da konnte man schließlich andere Menschen umbringen, ohne es nicht mehr selbst für einen Mord zu halten. Oder eben sich beschießen zu lassen und das aus gegebenem Anlass auch so und nicht anders aus Respekt vor seinen Gegnern aufnehmen. So ist es eben im Krieg. So formt man aus Muttersöhnchen doch noch verwendbare Front-Camper. Wer hier jetzt lieber Frontkämpfer lesen will, der soll es wegen mir tun. Ich habe mich nicht verschrieben.

Seit dem der neue Von und Zu Hochgestochen Verteidigungsminister ist, ist vieles anders. Den Status des militärischen Sozialpädagogen seines Vorgängers, kann man ihm nicht nachsagen. Dafür kleidet er sich auch viel zu adrett. Und vor allem die Damen scheinen von seinem Lächeln sehr angetan zu sein. Was seine Politik angeht, so kann er mit der Wahrheit und Lügen viel besser umgehen. Es liegt wohl auch an seiner guten Taktik, Unwahrheiten rhetorisch zu umgehen, was wohl vor allem im Parlament dazu geführt hat, ein Truppenaufstockungsmandat zu erreichen. Was ja auch Bürgers Wille zu sein hat. Dieser hat das Parlament schließlich gewählt und muss jetzt auch sehen wie er damit zurecht kommt.
Wenn der richtige Mann an der Spitze der Truppe steht, so bewirkt das eben doch schon mal Wunder und es heilt wie zuvor gesagt, nicht nur die psychischen Wunden der Soldaten, sondern lässt auch das Volk die Wunder der Politik miterleben. Denn nun schickt man mehr Soldaten/-innen nach Afghanistan, obwohl man die Truppe nach Meinung des Volkes doch von da lieber abrücken sollte. Irgendwie hat das ganze Konzept wohl auch etwas mit dem Beamten-Deutsch zu tun, dass verstehen auch nur die wenigsten.

Was das in Afghanistan stationierte militärische Personal angeht (die Bezeichnung Kampftruppe hört man ja nicht gerne), so hat die Bundeswehr in der Zwischenzeit bestimmt auch dazu gelernt. Abgesehen von den ersten verweichlichten Bürschlein, die noch der Mama hinterher weinten, als auf sie geschossen wurde, hat man zumindest die Verstärkung jetzt bestimmt besser ausgewählt und auf den Nichtkampfeinsatz entsprechend vorbereitet. Wie, das kennt man sicher aus Spielfilmen wie Full Metal Jacket. Die Soldaten und vor allem die Soldatinnen, werden es den bösen Taliban schon zeigen, was einen Deutschen ausmacht, dem man mit Bombenanschlägen auf sein Land gedroht hat. Wie gut nur, dass die Taliban nicht so lange Arme haben, wie es der lange Arm des deutschen Gesetzes hat. Dieser erwischt auch noch den letzten Taliban hinter den sieben Bergen, irgendwo in der Einöde Afghanistans. Jedenfalls bleibt so der Krieg in und um Afghanistan begrenzt. Da und nirgendwo anders wollen wir ihn ja auch hinhaben. Wie wäre es denn mit ganz weg?

Verwunderlich ist, dass nach dem Kunduz Überfall und dem Überfall auf eine Supermarktkette kürzlich in Kabul, wo sich die Taliban mit neuen Lebensmitteln eindecken wollten, in Afghanistan doch ziemlich Ruhe eingekehrt ist. Jedenfalls wird vom Krieg hier in den deutschen Medien nicht viel berichtet. Aber seitdem die Deutschen jetzt schon längere Zeit in Afghanistan sind, herrscht dort wahrscheinlich Friede, Freude und man backt zusammen mit den Einheimischen Eierkuchen oder Sandkuchen, je nachdem. Sand gibt es in dem Land ja genug. Man sammelt neue Erfahrungen und auch von keiner kaputten Soldatenseele ist mehr die Rede. Alles ist in Butter. Die Soldaten haben jetzt sogar Zeit und Muße mit den Einheimischen Aerobic Kurse zu veranstalten. Die Bilder konnte man in den Nachrichten sehen. So schön kann Krieg sein. Polizistenausbildung und Aufbauhilfe für das Land, nennen die das offiziell.
Derweil spielen die Soldaten anderer Nationalitäten, vorwiegend aber Amerikaner, mit den Taliban Gocha. Golf zu spielen, wäre doch zu sehr aufgefallen. Das machte man damals zwar im Irak, deswegen auch bestimmt der Spitzname Persischer Golf, aber damit hat man dann letztendlich doch nicht den erhofften Weltpokal erreicht. Auf die strahlenden Gesichter in den dortigen Atomanlagen, musste die Welt deshalb auch verzichten.

Zurück zu den Kriegspielen der Amerikaner. Damit sind die kleinen Amerikaner schließlich groß geworden. Daher auch der Beiname der USA – Großmacht. Groß wird, wer Krieg macht.
Auch wenn sich die Deutschen noch so anstrengen, so groß wie die USA wird unser Land nie (wieder). Zwar wurden die ersten Deutschen reich vom Krieg, die zweiten auch, aber als dann die dritten reich zu werden drohten, da platzte einer anderen Englisch-sprachigen damaligen Großmacht der Kragen und deshalb sind wir heute, nachdem wir von allen Seiten unsere Prügel bezogen haben, nur noch das, was uns jetzt als übriggeblieben erlaubt ist – eine Firma mit eingebautem Notdienst für die ganze Welt. Nur leider nehmen wir nicht im Geringsten das an Geld wieder ein, was dafür an Fahrtkosten verplempert wird.

Die halbe Welt ist jetzt mit ihren Truppen in Afghanistan, weil es dort angeblich brennt. Ich frage mich nur, was da überhaupt brennen soll. Da gibt es doch gar keine Wälder. Na jedenfalls muss der deutsche Notdienst nach Meinung unserer Politiker beim Löschen dort dennoch mithelfen. So wird es der deutschen Bevölkerung jedenfalls verkauft. Zum großen Teil handelt man auf Wunsch der Großmacht USA. Die Amerikaner haben ja auch mehr über Deutschland zu bestimmen, als die deutsche Bevölkerung selbst. Nur das will das deutsche Volk nicht so recht kapieren. Aber dazu benötigt man eben Wissen, was man in einer deutschen Schule nicht bekommt. Groß werden die Deutschen zwar, sie essen schließlich auch genug dafür, aber das Großhirn braucht nun mal auch andere Nahrung von intellektueller Art. Man kann die Weisheit eben nicht mit Löffeln fressen oder bei Deutschland sucht den Superstar suchen, und nicht alles was das Wissen des einzelnen groß macht (dabei werden höchstens schlechte Erinnerungen an frühere Zeiten wach), ist im Land auch gerne gesehen.

Andererseits gibt es auch Staaten, die auf andere Weise klein gemacht werden. Oder es passiert von selbst. Aber solche Länder nennen sich dann nicht Kleinmacht im Gegensatz zu einer Großmacht, sondern so etwas heißt dann z.B. Haiti. Manche haben eben, was die Namensgebung angeht, weit mehr Phantasie. Haaitiii! Einmal geniest und alles ist kaputt. Wer oder was da wohl das Niesen verursacht hat? Welche große Macht hatte die Macht dazu? Gott oder doch nur eine irdische große Macht? Fragen über Fragen, aber egal, aus Haiti selbst kommen nur noch Wehklagen.

Was lehrt uns das? Ein Staat sollte immer gut darauf achten wie er sich nennt. Leider hat die BRD ihre Chance in dieser Richtung verpasst. Der Bund ruinierter Deutscher braucht jetzt bald selbst einen Notdienst. Derweil rennt und fährt man immer noch in der Weltgeschichte umher, löscht anderer Leute Brände und Zuhause werden die Kassen immer leerer. Das kommt davon wenn man für andere Großmächte arbeiten muss und sich nicht dagegen zur Wehr setzt.

Was vom Afghanistan Einsatz einmal übrigbleiben könnte, sind vielleicht ein paar kaputte Krieger. Die sammelt man dann eben schnell ein. So ist es nach jedem Krieg. Und da wir in mehr moderneren Zeiten leben, könnte es auch sein, dass man für sie eine Sammlung startet und vielleicht werden sogar ein paar Orden an sie verteilt. So, dass am Schluss alle wieder zufrieden sind.

3 Antworten

  1. Hallo Jochen Mitanna,

    guter Artikel, da gibt es nichts zu meckern. Da fällt mir keine ernste oder andere Kritik ein.
    Im zweiten Teil haben Sie die Situation punktgenau beschrieben. Weshalb das alles heute so geschieht.
    Das ist alles verdammt abartig. Da ist unser Land immer noch besetzt. Nur das Militär hat sich zurückgezogen. Nach der grossen SHOW 1990 mit Mauerfall und das Schauspiel einer Wiedervereinigung, die tatsächlich nie stattfand. Politisch hat sich danach nichts aber auch garnichts geändert. Das genaue Gegenteil ist eingetreten. Die Marionetten eines besetzten Landes (nämlich unseres) besetzen nun andere Länder und greifen sie militärisch an. Im Klartext: Sie begehen ein Kriegsverbrechen nach dem anderen. Das Sagen hier hat selbstverständlich die Hauptsiegermacht – USA. Die bekommen auch ihre Anweisungen. Aber das ist eine etwas andere Geschichte. Also führen „unsere“ Zombies lediglich Befehle aus. Eigentlich müsste sich jeder weigern Militärdienst zu machen. Schutz vom Staat gibt es nicht – von welchem auch?
    Das darf natürlich keiner von den Jungen erfahren. Deshalb könnte man die Schulen und UNI’s auch Hirnwaschanlagen nennen.
    Aber die Wahrheit kommt immer schneller ans Tageslicht. Das wissen sogar die Zombies und ihre Drahtzieher.
    Nun noch kurz zu Dramen der Soldaten im Fremdeinsatz. Vor ein paar Jahrzehnten war das auch ein Thema bei uns im Lande. Heute kann keiner sagen das er/sie unwissend ist. Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt das ganze Ausmass von Kriegstraumata. Man muss nur die Berichte von den damaligen Ärzten und Militärangehörigen lesen. Seit Jahrhunderten hat sich da nichts geändert. Der gesundheitliche Schaden ist immer derselbe. Man vergibt nur andere Namen dafür.
    Und auch deshalb ist es ein grosses Verbrechen an den Menschen, was hier abläuft.
    Man sollte den jungen Menschen auch mal erklären, das unsere Vorfahren eben nicht mit Keulen durch die Wälder gerannt sind, sondern aufgebaut haben. Die Wirtschaft und Landwirtschaft nämlich und freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarn. Aber so etwas ist ja heutzutage unanständig. So, jetzt reicht’s. Genug Senf abgelassen.
    Machen Sie weiter so und vergessen Sie das Kuscheln nicht.

    Herzliche Grüsse

    Jan

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