Regionales: Flörsheim am Main – Eröffnung Sozialkaufhaus im Main-Taunus-Kreis

Am kommenden Montag wird das Gebrauchtwarenkaufhaus „Tisch und Teller“ in Flörsheim am Main eröffnet. In enger Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung möchte der Träger, das Diakonische Werk Main-Taunus, ein breites Sortiment von Gebrauchtwaren – vor allem Möbel, Haushaltgeräte, Hausrat etc. (aus Spenden) – anbieten. Für den Betrieb, der unter der Leitung eines Diplom-Kaufmanns und eines Diplom-Sozialpädagogen von ehemaligen Langzeitarbeitslosen abgewickelt werden soll, wurden sieben sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen sowie 15 „Arbeitsgelegenheiten für die berufliche Qualifizierung“ bereitgestellt …

Wir haben über dieses Projekt schon vor einiger Zeit recherchiert und an anderer Stelle auch schon einmal einen Bericht veröffentlicht. Nun, da die Vorbereitungen abgeschlossen sind und das Kaufhaus am Montag seine Pforten öffnen wird, möchten wir das hier und heute nochmals in aller Kürze aufgreifen und um einige allgemeine Information zum federführend involvierten Kreis ergänzen.

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 Nun gut, wenn man den ersten Absatz oberflächlich liest und sich nicht mit der Realität hinter solchen Einrichtungen wie „Tafeln“, „Kleiderkammern“, „Suppenküchen“ oder eben auch „Sozialkaufhäusern“ beschäftigt, die noch durch eine ganze Reihe von anderen „gemeinnützigen Unternehmen“ mit ähnlicher Personalpolitik abgerundet wird, hört sich das ja nicht einmal schlecht an. Doch beim genaueren Hinsehen relativiert sich das sehr schnell … und um das aufzuzeigen, muss man als Berichterstatter nicht einmal allzu viel eigenen Text beisteuern.

 

Beginnen wir korrekterweise beim Kreis selbst, der zwar der kleinste Landkreis der BRD ist, aber dennoch beispielhaft für die Konstellation „soziale Probleme – Ursache, Hintergründe und Gegenmaßnahmen“ stehen kann. Er gehört nämlich auch zu den reichsten Landkreisen, so dass es hier noch etwas paradoxer als andernorts anmuten muss, wenn man Tafeln, Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser für sozial schwache Mitmenschen benötigt. – Und das ist auch generell der Vorwurf, den man nicht nur den politisch und wirtschaftlich verantwortlichen Damen und Herren in Kommunen, Ländern und Bund, sondern eben auch uns selbst = der Gesellschaft insgesamt machen muss.

Der Main-Taunus-Kreis nimmt auch in Bezug auf die Hartz-Gesetzgebung eine Sonderstellung ein, da er sich zum illustren Kreis der Optionskommunen (ð siehe Optionsmodell) zählen darf, die bekanntlich alle Kompetenzen in Sachen Arbeitslosenverwaltung und Sozialhilfe in Eigenregie innehaben. Was es mit der „Anwendung dieser Kompetenz“ auf sich hat, konnten wir schon öfters und können wir auch heute immer noch aus nächster Nähe miterleben, denn der MTK ist „auch unser Kreis“. – Etwas mehr „seriöse Detailinformationen“ können Sie gerne hier abrufen.

 

Doch das nur als Begleitinfo … zurück zum Thema „Sozialkaufhaus“. Vor allem kann man hier wieder einmal die gute Kooperation zwischen Kreisverwaltung und Trägern wie der Caritas (u. a. Tafeln), Diakonisches Werk (u. a. Sozialkaufhaus) und anderen gemeinnützigen Einrichtungen (Trägern) erkennen. Schon im letzten Jahr wurde vom Kreistag beschlossen, dass Projekt über drei Jahre mit mehr als 300.000 € zu fördern … und seither war der verantwortliche Mann des Diakonischen Werkes, Herr Agim Kaptelli auf der Suche (FR vom 20.02.09) nach geeigneten und erschwinglichen Räumlichkeiten dafür. (ð bei Interesse können sie darüber auch hier – Artikel vom 06.05.09 – noch etwas lesen, weshalb wir den Sachvortrag dieses Beitrags etwas kürzer halten!)

Detailinformationen über das Projekt, die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze (bspw. Infos zur Höhe der Löhne) oder die Arbeitsgelegenheiten sucht man in den uns [1] vorliegenden [2] Berichten leider wieder einmal vergeblich. Stattdessen wird viel Lob hin und her geschoben und alles, was den betroffenen oder interessierten Lesern wichtig erscheinen würde, geht in einem leider nur zu gut bekannten nebulösen Gerede von all dem Guten unter, was man für die von Hartz IV und anderen Folgeerscheinungen von 30 Jahren neoliberaler „Sozial- und Arbeitsmarktpolitik“ gebeutelten Menschen zu tun beabsichtigt. – Schöne Worte – sicherlich – allein uns fehlt der auf Erfahrung bauende Glaube ….

[1 – Main-Spitze vom 04.12.09 … 2 – Vorstellung Diakonisches Werk „Tisch und Teller“]

Eventuell nicht ganz genauso, aber doch sehr ähnlich scheint dies Frau Beate Ullrich-Graf, ihres Zeichens Abgeordnete der LINKEn im Kreistag, zu bewerten. Sie war zur Eröffnung von „Tisch und Teller“ eingeladen und hat uns über den schon öfters erwähnten befreundeten Verein (Main-Taunus Sozialpass) eine Abschrift ihres kurzen aber treffenden Redetextes zukommen lassen. >Redemanuskript Sozialkaufhaus (1)<

Abschließend möchten wir noch einen Gedankengang anfügen, von dem sich die Verantwortlichen bei Träger und Kommunalpolitik offenkundig geflissentlich abgewandt haben …

Zum einen halten wir den Begriff „Sozialkaufhaus“ für unangemessen, da ja offen dafür geworben wird, dass dort jeder günstig einkaufen können soll. – Der Hinweis darauf, dass Bedürftige eine „Kundenkarte“ erhalten werden, die ihnen 20% Nachlass auf die Preise garantieren soll, beantwortet leider nicht die Frage, wie bspw. Hartz-IV-Empfänger/innen selbst derart zusätzlich reduzierte Schnäppchenpreise bezahlen sollen, wenn der „Durchschnitts-Hartzer“ von seinem Regelsatz nicht einmal die Lebenshaltungskosten für mehr als maximal zwei Drittel des Monats sicher bestreiten kann? – Und – neben der oben bereits angesprochenen Frage der Bezahlung der regulären und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze – natürlich muss man auch die 15 Arbeitsgelegenheiten hinterfragen, für welche der Träger nach bisheriger Praxis wenigsten 350,- € monatlich „für Verwaltungskosten“ erhält. Werden diese Arbeitsgelegenheiten solche „mit Mehraufwandsentschädigung“ (sprich 1-€-Jobs) oder bereits solche nach dem Schema „Workfare“ (oder – freundlich ausgedrückt – auch 0-€-Jobs) sein?

Egal welche Variante den betroffenen Langzeitarbeitslosen auch immer zuteilwerden wird, man kann und muss skeptisch sein, dass sich diese tatsächlich irgendwann wenigstens durch die Übernahme von einer Arbeitsgelegenheit in ein reguläres Arbeitsverhältnis rechtfertigen lassen werden. Die bisher überwiegende Erfahrung, gerade in Kochs wunderschönem Hessenland (siehe auch und gerade die Optionskommune Wiesbaden), spricht leider „brutalst möglich“ dagegen.

 

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Bliebe zum Schluss nur noch anzumerken, was ja auch unser Gastautor Rainer Weigt zuletzt betont hat und sich ebenfalls in der Rede von Frau Ullrich-Graf unmissverständlich niederschlägt:

Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser und andere fragwürdige Wohltaten mehr, die durch die Hintertür allesamt von der Solidargemeinschaft der Steuer- und Beitragszahler finanziert werden müssen und den Betroffenen keine Handhabe für eine Verbesserung ihrer individuellen Situation vermitteln, sind nicht nur, aber gerade in einem reichen Land wie dem unseren ein absurdes Armutszeugnis! Leider ist keine politische Partei und auch sonst keine ernstzunehmende Kraft (auf keinen Fall die Bevölkerung selbst!) erkennbar, die diesen „kapitalhörigen Irrsinn“ mit der notwendigen Entschiedenheit eine unmissverständliche Abfuhr erteilen kann und will … und all das, obwohl wir mit dem „ach so tollen Beispiel der transatlantischen Supernation“, in der dieser Wahnsinn perfektioniert und auf Welteroberungskreuzzug geschickt wurde, schon seit Jahren erkennbar wird, wohin das auch hierzulande schon sehr bald führen muss und wird.

Den Rest verkneifen wir uns jetzt mal – das haben wir in den letzten Monaten oft genug geschrieben und wer es bisher noch nicht begriffen hat und/oder hören will, wird wohl warten müssen, bis er oder sie durch erlittenen Schaden „klug“ (gemacht) wird?

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