Hartz IV und Tafeln: Lebensmittelentzug für kritische Meinungsäußerung

Den nachfolgend veröffentlichten Artikel bekamen wir von Wolfgang Gerecht (Initiative maintaunusSozialpass) zugesandt und leiten ihn an unsere Leserinnen und Leser weiter, da wir dieses Verhalten einerseits zutiefst verurteilen und andererseits für eine nur allzu typische Stilblüte des „offiziellen Umgangs mit berechtigter Kritik“, sowie der Definition von „Gemeinwohl und sozialem Engagement“ halten, wie sie von den meisten „sozialen Einrichtungen“ ausgegeben und rigoros angewandt wird … (Quellenverweis am Ende des veröffentlichten Artikels)

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Münster-Tafel bestraft Widerspruch

Weil ein Hartz-IV-Empfänger junge Welt ein kritisches Interview gab, bekommt er keine Lebensmittel mehr.

Sippenhaft: Seine Frau auch nicht

Von Gerrit Hoekman

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Wer widerspricht, bekommt zur Strafe nichts zu essen.

Daß dieses Erziehungsmittel aus der pädagogischen Mottenkiste hier und da noch Anwendung findet, erfährt gerade Moritz Seegers aus Münster.

Seitdem er nämlich der jungen Welt Mitte Juni ein Interview gab, in dem er sich kritisch über die Arbeit der Münster-Tafel geäußert hat, erhält er dort keine Hilfe mehr.

In vielen Städten sammeln die Tafeln in Supermärkten, Bäckereien und auf dem Wochenmarkt Lebensmittel, die nicht mehr an die Kunden verkauft werden können, und verteilen sie an Arme.

In Münster sind es an die 7.000 Menschen, die regelmäßig bedient werden.

»Als ich zwei Wochen nach dem Interview das erste Mal wieder zur Essensausgabe der Münster-Tafel kam, erwartete mich schon der Vorsitzende und teilte mir mit:

Sie bekommen von uns nichts mehr«, erzählt Seegers, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte.

Hört die Nächstenliebe dort auf, wo die Meinungsfreiheit beginnt?

Das fragt sich der 56jährige Hartz-IV – Empfänger, der wegen einer Behinderung nicht mehr voll arbeiten kann und von 359 Euro plus Miete leben muß.

Seegers mag sich nicht gefallen lassen, wie die Münster-Tafel ihn behandelt. Deshalb hat er Ewald Halbach um Hilfe gebeten.

Der langjährige Gewerkschafter kandidiert als DKP-Mitglied für die »Soziale Liste Münster« bei der Kommunalwahl in drei Wochen für den Posten des Oberbürgermeisters.

Vor kurzem gingen die beiden frühmorgens zur Ausgabestelle der Tafel, um noch einmal mit den Verantwortlichen zu reden.

Die Stimmung beim Ortstermin ist gereizt. Ein Mitarbeiter ruft per Handy den Vorsitzenden, Roland Goetz, herbei. Der rollt wenig später in einer Nobelkarosse aus Stuttgart auf den Parkplatz der katholischen Kirchengemeinde, die der Tafel ihre Räume zur Verfügung stellt.

»Wir arbeiten hier alle ehrenamtlich, aber nicht für Leute, die uns ans Schienbein treten«, sagt Goetz.

»Sie sind doch nicht der Herrgott«, erwidert Halbach.

Der Tafelchef bleibt unnachgiebig, moralische Bedenken hat er nicht:

Seegers bekommt keine Lebensmittel mehr. – Auch seine Frau nicht, die mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hat.

»Niemand hat einen Anspruch auf die Hilfe unseres Vereins«, sagt Goetz.

»Wir entscheiden, wer etwas bekommt und wer nicht.«

Formal ist das sogar richtig: Wer sich vom Sozialamt ungerecht behandelt fühlt, kann Einspruch erheben. – Sogar vor Gericht ziehen, wenn er will. Wem dasselbe mit einem sozialen Verein passiert, der kann nur auf Einsicht hoffen. Oder an die Öffentlichkeit gehen.

Nachdem Halbachs Vermittlungsversuch gescheitert ist, wird nun die Linke Liste (Linkspartei plus DKP) im Stadtrat eine Anfrage stellen.

Immerhin ist der amtierende Oberbürgermeister der CDU Schirmherr der Tafel; der Verein bekommt auch 10.000 Euro pro Jahr aus dem städtischen Haushalt bekommen – mithin aus Steuergeldern.

Vom Bundesverband der Tafeln in Deutschland mit Sitz in Berlin ist übrigens keine Hilfe zu erwarten:

»Die Satzung des Bundesverbandes regelt nicht die Beziehungen einzelner Tafeln zu ihren Kunden«, sagt Sprecherin Anke Assig gegenüber junge Welt.

»Jede örtliche Tafel entscheidet selbst, wen sie unterstützt.«

Und in Münster gilt offenbar: Wer meckert, soll doch beim Discounter kaufen. Oder eben weniger essen.

Originalartikel junge Welt

12 Antworten

  1. Der Deutsche ist eben so.
    Wenn er einen hat, der auf der Sozialen Leiter noch unter ihm steht, wird
    er ihn auch treten.
    Man kann sich in diesem Land nur noch fremdschämen!

  2. Das sollte der ausschlaggebende Grund für all diejenigen sein, welche sich Ihre Lebensmittel bei der Tafel holen*, ihre Nahrung woanders (es geht teilweise auch kostenlose) zu holen. Die von der Unternehmensberatung McKinsey entworfenen „Food-Banks“ (welche hierzulande verboten sind) und die Tafeln sind die preisgünstige Alternative der Lebensmittelindustrie Nahrung zu entsorgen. Es ist sozusagen Müllentsorgung unter sozialem Deckmantel.

  3. @Herr Blank

    Dem kann leider nicht widersprochen werden … letztlich ist dies die Grundlage der „Machtsicherung unseres Systems“ und die meisten Bürger/innen unseres „Staates“ sind im Zuge der Optimierungs dieses Systems und seiner Instrumente zu umfassend konditioniert worden, um das fatale Eigentor erkennen zu können, das sie sich über kurz oder lang schießen werden.

    Danke für den Kommentar
    mfG

  4. @Name²³

    Auch Ihnen vielen Dank für den Beitrag. Ihre Feststellung ist absolut zutreffend und kann überall im Lande auch nachgeprüft und belegt werden (wir haben dies in unserer Region bereits getan und müssen Ihre Aussage deshalb leider bestätigen!).

    Wer sehen kann und SEHEN WILL, der wird auch sehen, was es mit den Tafeln, ihren „Trägern“ und den wahren Hintergedanken dieser verlogenen „Wohltätigkeit“ auf sich hat.

    MfG

  5. Ich frage mich schon lange wie es überhaupt möglich ist das der Staat sich nicht minderbemittelter annimmt und diese „Menschen“ mit einer Nahrungsgarantie ohne wenn und aber versorgt, diese Garantie ergäbe ein kleines unbedeutendes Loch in der Milliarden Kasse, würde sich jedoch sehr Vertrauenswürdig zum Diener des „Volkes“ auszahlen, offensichtlich sehen die Staatsvertreter hier kein Handlungsbedarf.

  6. wenn der verein mit 10.000 € steuergeldern gefördert wird, dann finde ich das eine unerhörtheit, jemanden wegen freier meinungsäußerung das essen zu verweigern.

    der vorsitzende kann sich wahrscheinlich auch nicht im geringsten vorstellen, wie demütigend es für einen erwachsenen mann ist die dienste in anspruch zu nehmen die es eigentlich in einem land wie deutschland gar nicht geben müsste wenn das kapital gerechter verteilt wäre und nicht nur dem ohnehin finanziell schlechter gestellten bürgern bis zur naht in die tasche gegriffen würde.

    mit sozialistischen grüßen
    konrad baresa

  7. Hallo, einiges sollte man noch etwas genauer beleuten, zb. es wird immer der Eindruck erweckt die Tafeln seien alle uneigennützig.
    Das stimmt so nicht!
    Ein Großteil der Tafeln läst die anfallenden arbeiten von EEjobbern verrichten ( billige Arbeitskräfte ) und kassiert darüberhinaus von der ARGE noch Zuschüsse.
    Für die ARGE auch positiv da dann gerade diese EEJ aus der ARGE Statistik herausfallen.
    Wer verdient an diesem Konstrukt ?
    Ich denke, es erübrigt sich das ich nun darauf antworte.
    Und wer verliert?
    Ganz eindeutig die Bedürftigen ( ELOS )
    Nicht nur das sie als Bettler vorsprechen und bei den Tafeln anstehen müssen sondern darüber hinaus auch noch Dank erwartet wird.
    Dank dafür das sie abgelaufene Lebensmittel über ihren Darm entsorgen dürfen.
    Meine persönliche Meinunug geht sogar noch weiter.
    Durch die Tafeln soll in Zukunft vermieden werden das wenn die ARGEN bis auf null sanktionieren es zum Aufstand derjenigen kommt die sonst hungern müssten.
    So sollte man es mal betrachten !
    Also ganz und gar nicht uneigennützig von der ARGE und den Tafeln.

    Dieses ist meine ganz persönliche Meinung.
    Laut GG steht mir dieses auch zu. Noch!!!

    Gruß M. M.

  8. @Konrad Baresa

    Unzweifelhaft richtige Feststellung. Es wäre halt höchste Zeit, mal eine ernsthafte Debatte über Verteilungsgerechtigkeit zu starten … aber stattdessen verstecken sich die wahren Schmarotzer und Abzocker des Systems hinter Nebelkerzen wie „Neiddebatte“ und ähnlichem.

    Verteilungsgerechtigkeit beschränkt sich natürlich nicht nur auf die materielle Seite in Punkto Verteilung des erwirtschafteten Volkseinkommens, sondern schließt auch die Teilhabe an der demokratischen Entscheidungsfindung auf der Grundlage einer reellen Basisdemokratie ein. Hier wäre eventuell auch der Hebel anzusetzen, wenn DIE LINKE in Deutschland zu einer politischen Kraft der sozialen Gerechtigkeit werden soll … nur mal so meine Meinung.

    Mit SOLIDARISCHEN Grüßen
    HDZ

  9. @ M. Meier

    Absolut korrekte Darstellung, der wir uns – leider – vollinhaltlich anschließen müssen. Wir haben uns in der eigenen Region sehr eingehend mit Reizthemen wie „Arbeitsgelegenheiten“, Praktika, Zeitarbeit, Tafeln, Sozialkaufhäusern und „gemeinnützigen Dienstleistern“ befasst und können deshalb nur beipflichten. Hier wird mit der künstlich erzeugten Not von immer mehr „ausgegrenzten Überflüssigen“ gerade unter dem Deckmantel der Sozialarbeit oder Gemeinnützigkeit ein erklecklicher Reibach gemacht!

    Die im Nachsatz hinsichtlich der „Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten“ dieser Instrumente zum Ausdruck gebrachte Meinung muss man auch als zutreffend und realistisch bezeichnen. Genau so wird es kommen, wenn nicht entschlossen und zielgerichtet gegengesteuert wird – und zwar nicht nur von „Betroffenen“, denn jene, die sich jetzt noch in Sicherheit wiegen, werden schneller als sie denken selbst dazu gehören!

    Es wäre gut und wünschenswert, wenn bedeutend mehr Menschen von dem noch gegebenen Recht der freien, kritischen und sachbezogenen Meinungsäußerung Gebrauch machen würden … also behalten Sie Ihren Denk- und Handlungskurs bei. Bei uns „rennen Sie damit immer wieder weit offen stehende Türen ein“ und so lange man uns lässt, werden wir solche Meinungen auch gerne veröffentlichen!

    Beste Grüße
    HDZ

  10. […] schönen Dinge. Heute muß man sehen, wie man mit dem Geld zurechtkommt, nachdem die Politiker es für die kleinen Leute immer schlechter gemacht […]

  11. Ich wüsste zu gern, was der Mann gesagt hat. Wie kritisch es gewesen sein muss, dass so reagiert wird. Schließlich möchte ich tatsächlich auch niemandem Gutes tun, der anschließend schlecht über mich spricht. Undankbarkeit?
    Das Ausmaß der Kritik im Verhältnis zu der Sanktion würde ich gern selbst abschätzen, aber diese Info ist leider nicht enthalten.

    Auch um den verlinkten Artikel zu lesen muss man ein Onlineabo abschließen.

    Tatsächlich hat er keinen Rechtsanspruch und viele Vereine und Veranstalter erhalten Zuschüsse und trotzdem erwirbt niemand einen Rechtsanspruch auf eine Mitgliedschaft oder Teilnahme.

    Mag sein, dass die Discounter ihre Lebensmittel günstig entsorgen. Aber man bekommt bei der Tafel keine schlechten Lebensmittel, nichts, das gammelt oder nicht mehr genießbar ist.

  12. Ich werfe die Lebensmittel die ich von der Tafel bekommen habe und nicht mehr gut aussehen komentarlos weg. Die brauchbaren Lebensmittel müssen im Gegenwert mehr erwirtschaften als ich dafür zahle. (Spritkosten für das Auto + Gebühr für die Tafel-Lebensmittel).

    Sollte es sich nicht mehr lohnen werde ich mich einfach von der Tafel abmelden.

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