Gastbeitrag Womblog: Chickane

Auch hier ist ein ausführlicher Kommentar überflüssig … eine sehr anschauliche Darstellung der (auf der Vorarbeit von IWF, Weltbank & Co. = „Bretton-Woods-Institutionen“ gründenden) EU-Wirtschafts- und Exportkolonialisierung Afrikas. Oder der europäische Part des „Wirtschaftskrieges“ der nördlichen gegen die südliche Hemisphäre, der zu allen Zeiten ein sehr einseitiger, mit tödlich ungleichen Waffen ausgefochtener Kampf war und ist … ob er es auch bleiben muss? Hinterfragen Sie es nach dem Lesen des Artikels selbst.

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Von Lopez Suarez | Womblog |

Die EU und der Export von Hühnerresten – Dem einen oder anderen mag noch der britische Animationsfilm Chicken Run [1] – zu Deutsch Hennen rennen – aus dem Jahre 1999 in Erinnerung sein. Bekanntlich geht es bei diesem Film um ein Huhn namens Ginger, und den amerikanischen Hahn Rocky und zahlreiches anderes Federvieh.

Gemeinsam haben sie alle, dass sie nicht fliegen können und ihr Leben in Gefahr ist, will das Farmerehepaar sie doch zu Pastete verarbeiten. In letzter Sekunde und mit Hilfe eines selbstgebastelten Flugzeugs gelingt ihnen letztendlich die Flucht aus der Hühnerfarm.
Soweit die Fiktion und die Tatsache, dass der Begriff Claymation eine Aufnahmetechnik beschreibt, bei welcher Figuren aus Knetmasse einzelbildweise abgelichtet werden und somit die Illusion einer kontinuierlichen Bewegung entsteht.

Ähnlich verhält es sich mit der EU, einigen afrikanischen Staaten und dem Export von Hühnerresten. [2] Auch die Europäische Union verarbeitet Millionen von Hühnern, indem sie sie züchtet, schlachtet und letztendlich zerlegt. Dabei erwartet sie, dass Staaten wie Ghana sich und ihre Einfuhrbestimmungen ebenso flexibel wie Knetmenschen geben, damit die Abfallprodukte europäischer Hühner auch ungehindert eingeflogen werden können. Insofern gewinnt das geflügelte Wort, man solle sich nicht über ungelegte Eier aufregen, eine wahrhaft neue Dimension. Schließlich sind die sprichwörtlich ausgeschlachteten Hühner teilweise dafür verantwortlich, dass die Kleinbauern jener westafrikanischen Region Hunger leiden – trotz bzw. aufgrund des Importes von Hühnerrücken, Füßen und anderen Körperteilen, welche man in Europa nicht möchte. Hier verbleibt nämlich das zarte Filet, während die eigentlichen Abfallprodukte verschifft werden.

Wagt es nun eine afrikanische Regierung ihre eigenen Bauern schützen zu wollen, dreht die EU-Maschinerie erst richtig auf. Auf das Verhängen von Strafzöllen auf niederländische, deutsche, belgische oder italienische Restposten folgt die Antwort stehenden Fußes: Die Kürzung von Entwicklungshilfe und höherer Zollschutz für afrikanische Produkte. Damit sehen sich die Regierungen der betroffenen afrikanischen Staaten bloß jeglicher Gegenwehr und müssen zusehen, wie ihre Landwirte, Bauern und Viehzüchter nach und nach Pleite gehen und Hunger leiden müssen.

Stellt man nun die berechtigte Frage, warum denn Abfallprodukte nicht entsorgt würden, wird man erfahren, dass die Norm-konforme Beseitigung die Unternehmen teurer zu stehen käme als deren Export. Weiterhin entwickelt sich nach und nach ein veritabler Nischenmarkt jenseits von Brust oder Keule. Die Absatzmärkte in Afrika machen, dass sich ganze Unternehmen auf die Gewinnung und den Export von Hühnerresten spezialisiert haben. Weiterhin werden ja auch in den afrikanischen Staaten selbst Arbeitsplätze geschaffen, was beispielsweise die Lagerung und Auslieferung der Ware angeht. Dennoch ist es fraglich, ob diese so stark von dem guten Willen der europäischen Unternehmen abhängigen Arbeitsplätze tatsächlich solche mit nachhaltigeren Beschäftigungen im Bereich Viehzucht ersetzen können.

Insofern sind es EU und IWF, die sich gemeinsam der Erpressung schuldig machen, zwingen sie doch die auf Entwicklungshilfen angewiesenen afrikanischen Regierungschefs, die Überflutung des einheimischen Marktes durch Billigimporte zuzulassen. Dadurch entsteht wiederum Abhängigkeit und die Hilfe zur Selbsthilfe wird praktisch per Dekret ausgehebelt. Gefrorene Hühnerteile sind daher nur eine weitere Episode, wenn es um Machtspiele und Einflussgewinnung auf sensible Marktsegmente geht. Da helfen die Proteste der NGOs und lokalen Bauern- und Viehzuchtverbände wenig, wenn es darum geht, den europäischen Konzernen eine Lobby zu verschaffen bzw. in deren Sinn zu handeln. Die Entwicklungshilfe an die Fügsamkeit der Regierungen zu koppeln, scheint da nichts weiter als die Fortführung der Kolonialisierung mit anderen Mitteln. So müssen doch ehemals autonome Schlachtviehzüchter- und Händler sich nun ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von europäischen Billighühnerteilen verdingen – quasi dem Unrecht noch einen Marktstandplatz geben und damit ihr eigenes Schicksal im Sinne eines endgültigen Abschieds von Selbstständigkeit besiegeln. Dies erinnert an das Bild, wo man dem Einbrecher praktisch hilft das Diebesgut zu verkaufen, ohne dass man dabei selbst verdienen würde. Denn die Gewinnspannen für die afrikanischen Marktleute sind denkbar gering und nicht selten müssen sie aufgrund des Überangebotes ihre Ware wegwerfen.

Natürlich hätte man das auch schneller haben können, indem man jene Hühnerteile, die sich nicht für den europäischen oder US-amerikanischen Markt eignen, bereits vorher entsorgt hätte. Ebenso ist nicht damit zu rechnen, dass sich dieser Markt über Jahrzehnte als profitabel erweisen wird. Das Überangebot wird zwangsläufig zu einer Huhn-Inflation führen und die Hühnerteile mehr und mehr an Wert verlieren lassen. Niedrige Einfuhrzölle und eine perfekte Logistik ihrerseits werden ein weiteres tun, so dass am Ende mehr und mehr Bauern und Viehzüchter die Märkte überschwemmen. Schließlich werden die meisten aufgeben und sich andere Stellen – womöglich in einer Niederlassung europäischer Hühnerteileverarbeiter – suchen.

Man könnte es demnach als Teufelskreis bezeichnen, doch viel wichtiger scheint es herauszuheben, dass irgendjemand ihn initiiert haben muss und es Möglichkeiten gibt, ihn wieder aufzulösen. Solange die Situation jedoch wahrhaftig jener Aufnahmetechnik der Stop-Motion ähnelt, wo jeder Bewegung wieder ein neues Justieren folgt und nur die Einzelbilder in schneller Abfolge imaginären und nicht einmal tatsächlichen Fortschritt vollbringen können, werden weitere Pilotprojekte im Sinne der Förderung lokaler Geflügelhaltung durch beispielsweise Mikrokredite und andere internationale Hilfsprogramme nur Makulatur sein und bleiben, um von dem eigentlichen Problem – der permanenten Steigerung der Importe und dem dadurch entstehenden Preisverfall – ablenken. Dass nämlich ein Hühnerleben nicht viel Wert ist und von diesem bisschen durch jeden Billigimport auch noch verliert, ist ebenso unausweichliche Konsequenz dieser Politik, wie auch der Rückfall afrikanischer Wirtschaftssysteme in eine Abhängigkeit vom Tropf europäischer Lobbyisten.

Wer weiß, vielleicht sollte man es der Henne Ginger gleich machen und auf die Landung der Amerikaner hoffen, die einem das Fliegen beibringen – oder zumindest das Missverständnis nicht aufklären, dass sie es selbst nicht können, sondern es sich in dieser Atmosphäre falscher Hoffnungen bequem machen und sich einnisten.

Dieser Beitrag steht unter einer Piratenlizenz und darf Frei verwendet werden.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Chicken_Run_%E2%80%93_Hennen_rennen -|- http://www.imdb.de/title/tt0120630/ -|- http://www.reel.com/reel.asp?node=chickenrun

[2] http://www.wdr.de/tv/diestory/sendungsbeit

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